Reinigt Dreck den Magen?

Reinigt Dreck den Magen?

„Dreck reinigt den Magen“, der Spruch wirkt auf panische Spielplatz-Eltern wie eine Beruhigungstablette. Dass beim Buddeln Sand im Mund des Kindes landet, lässt sich kaum vermeiden. Säuglinge und Kleinkinder erkunden die Welt auch gern mal mit der Zunge.

Das ist normal, wichtig für ihre Entwicklung und in der Regel auch nicht schädlich, solange noch etwas Erde in Sandkasten und Blumenkübel übrig bleibt. Eines aber ist es nicht: eine Magenreinigung.

„Es gibt keine logische Erklärung, wie das funktionieren sollte“, sagt Christoph Hünseler, der sich an der Uniklinik Köln mit Magendarmerkrankungen bei Kindern beschäftigt. So gibt es beispielweise auch keine Belege dafür, dass als Heilerde vermarktete Produkte den Körper von Giften befreien.Es ist eher andersherum: Der Magen reinigt den Dreck.“

Verschlucken Menschen Schmutz, verhindert die extrem starke Magensäure, dass er Schaden anrichtet. Die Säure ist bis zu einer Million Mal saurer als Wasser. Sie zerkleinert den Mageninhalt und tötet die allermeisten Keime ab, bevor sie in die Blutbahn gelangen. „Kleine Steine, die die Säure nicht kleinkriegt, scheidet der Körper einfach wieder aus“, sagt Hünseler.

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06.06.2019, 13:22 Uhr
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Erde als Nahrungsmittel

Dass gezieltes und häufiges Dreckessen der Gesundheit eher schadet als nutzt, verrät auch der Blick in andere Regionen der Erde. Bereits der griechische Arzt Hippokrates hat in der Zeit zwischen 460 und 377 vor Christus festgestellt, dass manche Menschen regelmäßig Ton oder Lehm essen. In Teilen Afrikas, Amerikas und Asiens gibt es das Verhalten bis heute.

Die Menschen dort kochen die Erde ab, bevor sie sie essen. Doch es bleibt ein Risiko: Lange gingen Forscher davon aus, dass Lehm und Ton dem Körper wichtige Stoffe wie Eisen liefert. Inzwischen haben sie allerdings festgestellt, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Der Körper nimmt das Eisen, wie es in der Erde vorkommt, nicht auf. Stattdessen bindet die Erde Nährstoffe wie Eisen im Magen-Darm-Trakt, sie werden ungenutzt wieder ausgeschieden. Forscher gehen deshalb davon aus, dass Erdeessen eher zu Eisenmangel beiträgt, als ihn zu bekämpfen. Eine Reinigung, auf die man lieber verzichten möchte.



Fällt der Spruch „Dreck reinigt den Magen“, ist das meist allerdings ohnehin nicht wörtlich zu nehmen. Dahinter steckt vielmehr der Gedanke, dass ein bisschen Schmutz der Gesundheit schon nicht schaden wird. Und zumindest das stimmt. Studien zeigen, dass etwas Dreck im Alltag sogar gesundheitliche Vorteile hat. Insbesondere nützt er dem Immunsystem von kleinen Kindern.

Dreck ist nicht gleich Dreck

In den Neunzigern haben Forscher beobachtet, dass Kinder, die auf einem Bauernhof mit Kuhstall aufwachsen, seltener an Allergien erkranken. Auch die Amish People in den USA, die traditionelle Landwirtschaft wie im 19. Jahrhundert betreiben, kennen fast keine Allergien. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Bakterien aus dem Boden und von den Kühen die Bauernhofkinder vor Allergien schützt.

Der Grund: Das Immunsystem von Neugeborenen muss erst lernen, welche Stoffe dem Körper gefährlich werden können und welche nicht. Geht dabei etwas schief, bekämpft die Körperabwehr später eigentlich harmlose Substanzen, reagiert also allergisch. Keime aus der Erde und dem Kuhstall helfen dem Immunsystem offenbar, Gut und Böse zu unterscheiden.

Studien zeigen aber auch: Dreck ist nicht gleich Dreck. So haben Forscher 2014 Kinder in armen Vierteln von Baltimore, Boston, New York und St. Louis untersucht. Deren Allergierisiko sank im ersten Lebensjahr, wenn sie Kontakt zu Substanzen hatten, die Mäuse, Kakerlaken und Katzen hinterlassen. Aber nur bis zu einem gewissen Grad: Wuchsen die Kinder in einer sehr dreckigen Umgebung mit viel Mäusekot und Staub auf, erkrankten sie häufiger an Allergien als der Durchschnitt.

Gesund ist demnach nur ein Mittelmaß an Dreck. „Kinder sollen auf jeden Fall draußen spielen“, sagt Hünseler. „Zum Dreckessen ermutigen sollte man sie dabei aber nicht.“ Das sei gar nicht nötig, um das Immunsystem zu trainieren. Draußen komme der Nachwuchs allein über die Luft und den Boden mit zahlreichen Mikroben in Kontakt.

Wäre Sandessen gefährlich, gäbe es viele magenkranke Kinder

Manche davon sind harmlos und trainieren das Immunsystem, andere sind potenzielle Krankheitserreger. Bei einer Analyse von Sandkästen in Italien entdeckten Wissenschaftler beispielsweise in 21 von 40 Proben das Darmbakterium Clostridioides difficile. Gesunden Menschen kann es nichts anhaben, bei angeschlagenen aber Durchfall verursachen.

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Wie riskant das Sandessen ist, hängt letztlich auch von der Menge ab, die im Körper landet. Zur Einordnung: 1989 haben Forscher in einer Kindertagesstätte untersucht, wie viel Erde im Schnitt pro Tag in den Magen von 64 Ein- bis Vierjährigen wanderte und kamen auf einen Median von etwa 40 Milligramm pro Kind. Nur ein Kind verschluckte bis zu acht Gramm pro Tag.

„Kinder werden in der Regel nicht krank, wenn sie etwas Sand schlucken, sonst hätten wir sehr viele magenkranke Kinder“, sagt Hünseler.

FAZIT: Dreck reinigt den Magen nicht, der Magen reinigt aber den Dreck. Deshalb ist es nicht schlimm, wenn Kinder etwas Sand schlucken und das Verhalten kein Grund, Spielplatzbesuche einzuschränken. Im Gegenteil: Haben Kleinkinder Kontakt mit vielen verschiedenen Mikroben, sinkt ihr Allergierisiko. Zum Dreckessen ermutigen sollten man sie aber nicht.

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