Voll fett

Voll fett

Vier Tage lang nimmt der Schmerz im Oberbauch des 39-Jährigen Mannes stetig zu, so dass er in der Notaufnahme des Royal Free Krankenhauses in London Hilfe sucht. Er erzählt den Ärzten, dass er sich zweimal übergeben musste, davon abgesehen aber normal essen und trinken konnte. Auch seine Verdauung sei ansonsten normal.

Beim Abtasten zeigt sich eine Abwehrspannung im oberen rechten Bauchbereich. Der Mann hat außerdem mit 38,8 Grad Celsius Fieber, berichten die Ärzte im Fachblatt „BMJ Case Reports“. Sonst fällt ihnen bei der ersten Untersuchung nichts Besonderes auf.

Sein Diabetesmedikament hat er abgesetzt

Der Mann raucht nicht und trinkt wenig Alkohol. Vor drei Jahren war er bereits wegen einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung in Behandlung, welche die Ärzte damals auf erhöhte Blutfettwerte zurückführten. Zudem hat der Mann Diabetes Typ-2 und ist übergewichtig. Ihm wurden das Diabetesmittel Metformin sowie ein Statin, das die Blutfette senken soll, verschrieben. Doch der Patient habe sich nach eigenen Angaben durch die Einnahme der beiden Medikamente unwohl gefühlt und diese daher vor ein paar Monaten abgesetzt.

Die Ärzte nehmen dem Patienten Blut für eine Untersuchung ab, doch sie können diese Probe kaum analysieren: Sie hat einen zu hohen Fettanteil. Die sogenannten Triglyceride, die Blutfette, liegen bei rund 100 Gramm pro Liter Blut. Normal sind Werte von bis zu 1,5 Gramm Fett pro Liter Blut. Auch sein Cholesterinspiegel ist deutlich erhöht: Rund 10 Gramm pro Liter, während Werte unter zwei Gramm pro Liter angestrebt werden.

Auch bei der Bauchspeicheldrüsenentzündung vor drei Jahren hatte der Patient erhöhte Blutfett- und Cholesterinwerte, allerdings waren sie bei Weitem nicht so hoch wie jetzt. Um das Blut genauer zu untersuchen, schicken die Ärzte es in ein Speziallabor. Dort wird unter anderem die Menge des sogenannten C-reaktiven Proteins sowie die Zahl der weißen Blutkörperchen ermittelt. Beide Werte sind zu hoch, was dafür spricht, dass der Mann eine Entzündung im Körper hat. Auch der Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1C) ist zu hoch: Das ist aufgrund seines Diabetes und der abgesetzten Medikamente nicht überraschend.

Eine Computertomografie des Bauchraums deutet darauf hin, dass der Mann eine entzündete Bauchspeicheldrüse hat. Weil diese durch Gallensteine ausgelöst werden kann, sehen sich die Ärzte die Gallenblase nicht nur im CT, sondern auch per Ultraschall an – sie entdecken jedoch keine Gallensteine.

Die Ärzte gehen jetzt davon aus, dass der Patient eine sogenannte Pankreatitis hat, eine akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die durch die hohen Blutfettwerte verursacht wurde. Doch wie kommen seine exorbitanten Fettwerte zustande? Sie fragen sich, ob er an einer vererbten Stoffwechselstörung leidet.

Bis zu drei Liter täglich

Bevor sie weitere Tests starten, reden sie mit dem Mann, was sich als richtige Entscheidung herausstellt. Denn als sie mit ihm über seine Ernährungsgewohnheiten sprechen, erzählt er, dass er im vergangenen halben Jahr jeden Tag mindestens einen Liter Vollmilch getrunken hat, bisweilen waren es auch drei Liter täglich. Begonnen habe er damit, weil er das Gefühl hatte, die Milch helfe gegen sein Sodbrennen. Aber dann sei es wie eine Sucht gewesen. Ein Liter Vollmilch enthält rund 35 Gramm Fett.

2017 hatten japanische Ärzte von einem ähnlichen Fall berichtet: Der betroffene Patient war ebenfalls Typ-2-Diabetetiker und hatte zwei Monate lang täglich rund zwei Liter Milch getrunken. Er entwickelte ebenfalls eine Pankreatitis und sogar eine Übersäuerung des Blutes.

Diabetes Typ-2 wirkt sich nicht nur auf den Blutzucker aus, sondern auch auf die Blutfettwerte, deshalb sind diese bei Diabetikern oft höher – und das erklärt mit, warum die Blutfette bei dem britischen Patienten so außer Kontrolle gerieten.

Die Ärzte geben dem Mann Schmerzmittel und intravenös Flüssigkeit. Sie spritzen ihm Insuline und verabreichen ihm eine Reihe von Medikamenten, um seine Blutwerte wieder in einen normalen Bereich zu bringen. Sie besprechen mit dem Patienten, wie ernst sein Zustand ist und dass er seine Ernährung umstellen und seine Medikamente in Zukunft nehmen sollte. Er sagt, vorher habe ihm nie jemand erklärt, warum die Mittel so wichtig seien.

Nach zehn Tagen in der Klinik sind noch 6,6 Gramm Fett in einem Liter Blut. Sein Cholesterinwert ist mit 1,8 Gramm pro Liter sogar nicht mehr erhöht.

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