Wie gefährlich sind E-Zigaretten?

Wie gefährlich sind E-Zigaretten?

In den USA sollen E-Zigaretten mit süßen Liquids verboten werden, Indien will E-Zigaretten komplett verbannen. Wo liegt das Problem?

Die Bedenken um E-Zigaretten haben zwei Ursachen: den Jugendschutz und mysteriöse Krankheitsfälle. Vor allem dem Hersteller der E-Zigarette Juul ist es gelungen, mit Geschmacksrichtungen wie „Cool Cucumber“, „Crème Brulée“ oder „Stoned Smurf“ in den USA Millionen Jugendliche zu ködern. „Juulen“, auf deutsch „inhalieren“, ist heute ein feststehender Begriff auf Schulhöfen.

Das Problem: Die Liquids der E-Zigarette enthalten bis zu fünf Prozent Nikotin, in Deutschland sind grundsätzlich höchstens zwei Prozent erlaubt. Der Stoff erreicht innerhalb weniger Sekunden das Gehirn, wo er unter anderem die Produktion des Glückshormons Dopamin steigert, aber auch abhängig macht.

Laut einer Umfrage unter 42.000 Highschool-Schülern, die gerade im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, hat jeder vierte Zwölftklässler im vergangenen Monat eine E-Zigarette mit Nikotin genutzt. US-Studien weisen darauf hin, dass die Jugendlichen anschließend auch eher zu Tabakzigaretten greifen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: In den vergangenen Wochen entwickelten in den USA mehr als 500 E-Zigaretten-Nutzer schwere Lungenbeschwerden, acht starben. Unter den Betroffenen sind ebenfalls sehr viele junge Menschen.

Welche Verbote sind in den USA und anderen Ländern konkret geplant?

Der Gouverneur von New York entschied am vergangenen Wochenende, aromatisierte Liquids für E-Zigaretten im Eilverfahren zu verbieten. Weiter vertrieben werden sollen nur noch Flüssigkeiten mit Tabak- oder Minzgeschmack. US-Präsident Donald Trump kündigte an, ein ähnliches Verbot im ganzen Land durchzusetzen.

Bis mehr über die Krankheitsfälle bekannt ist, empfehlen die US-Gesundheitsbehörden außerdem, auf E-Zigaretten zu verzichten. Wer trotzdem weiterdampfen möchte, sollte die Liquids nur in dafür vorgesehenen Geschäften kaufen und nicht selbst panschen.

Indien geht noch deutlich weiter. Dort hatten Juul und Philip Morris der Nachrichtenagentur Reuters zufolge geplant, E-Zigaretten auf den Markt zu bringen. Die Regierung kam ihnen zuvor. Das Land warnte vor einer „Epidemie“ unter jungen Menschen und verbot am Mittwoch den Verkauf, die Bewerbung, den Import und die Produktion der Verdampfer.

Allerdings ist Indien auch einer der weltweit größten Produzenten von Tabak, E-Zigaretten sind demnach für viele Bauern in dem Land eine Bedrohung.

Die Erkrankungen in den USA gelten als mysteriös und rätselhaft. Was ist über sie bekannt?

Noch nicht viel. Die Behörden arbeiten nach eigenen Aussagen daran, die Ursache zu klären. Bei vielen Betroffenen beginnen die Beschwerden mit Atemproblemen, Kurzatmigkeit und Brustschmerzen. Innerhalb der folgenden Tagen oder Wochen können sie sich so stark verschlechtern, dass die Erkrankten künstlich beatmet werden müssen. Zum Teil kommen auch Magen-Darm-Probleme wie Übelkeit, Durchfall oder Fieber hinzu.

Die US-Zulassungsbehörde FDA untersucht aktuell Proben aus den E-Zigaretten Betroffener auf verschiedenste Inhaltsstoffe, darunter Verunreinigungen durch Pestizide, Opioide oder Schwermetalle. Es sei durchaus denkbar, dass es mehrere Auslöser gebe, schreibt die FDA. Demnach wurde bislang keine Substanz in allen getesteten Proben entdeckt.

Auffällig aber ist, dass viele Betroffene THC konsumiert haben, den psychoaktiven Bestandteil von Marihuana. Außerdem wurde in den betroffenen THC-Liquids häufig Vitamin-E-Acetat gefunden. Beides – sowohl der Zusatz von Vitamin E als auch von Cannabisöl – ist in Deutschland verboten.

Welche Erklärungsansätze gibt es für die Krankheitsfälle?

Robert Loddenkemper, Professor für Lungenheilkunde, geht davon aus, dass die Lunge auf chemische Reize reagiert. „Ich halte es für möglich, dass es sich um eine allergische Reaktion auf die Inhalation organischer Substanzen handelt“, sagt er. „Die US-amerikanischen Kollegen haben Hinweise, dass Fette oder Öle die Lungenschäden ausgelöst haben könnten.“ (Das komplette Interview lesen Sie hier auf SPIEGEL Plus.)

Woher wollen die Behörden überhaupt wissen, dass die E-Zigaretten zu den Problemen geführt haben?

Solange keine Erklärung gefunden ist, lässt sich das nicht zu 100 Prozent nachweisen. Es ist aber ausgeschlossen, dass Infektionen zu den Problemen führen. Außerdem haben die Gesundheitsbehörden Kriterien für die Diagnose der Erkrankung erstellt:

  • Betroffene müssen in den vergangenen 90 Tagen vor Beginn der Beschwerden E-Zigaretten oder andere Verdampfer genutzt haben,
  • Röntgenbilder müssen bestimmte Auffälligkeiten in der Lunge zeigen,
  • Tests auf verschiedene Bakterien und Viren, darunter auch die Grippe, müssen negativ ausfallen, und
  • es muss ausgeschlossen werden, dass etwa eine kardiologische oder rheumatische Erkrankung Ursache der Beschwerden ist.

Werden noch immer neue Fälle in den USA gemeldet?

Die Zahl der Betroffenen ist in der vergangenen Woche noch einmal deutlich gestiegen, auf insgesamt 530 (Stand: 20. September 2019). Außerdem wurden mittlerweile acht Todesfälle in verschiedenen Staaten bestätigt, wie das CDC mitteilte. Von mehr als 300 der Betroffenen wurden inzwischen Daten ausgewertet. Zwei Drittel (67 Prozent) sind demnach 18 bis 34 Jahre alt, 16 Prozent sogar jünger als 18.

Besteht derzeit auch in Deutschland eine akute Gefahr für die Nutzer von E-Zigaretten?

In Deutschland ist kein ähnlicher Anstieg von Lungenerkrankungen bekannt, auch ist in den gängigen Liquids kein Öl enthalten.

„Dass die Probleme innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums aufgetreten und vor allem junge Menschen betroffen sein sollen, spricht dafür, dass es sich um ein akutes Problem in den USA handelt und nicht etwa um langfristige Auswirkungen von E-Zigaretten“, sagt Frank Henkler-Stephani vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Nach aktuellem Kenntnisstand seien keine erhöhten Risiken für Nutzer von E-Zigaretten in Deutschland zu erwarten, wenn sie Produkte nutzen, die den europäischen und deutschen Regelungen entsprechen. Insgesamt sind Verbraucher hierzulande besser geschützt als in den USA. So müssen Hersteller von Liquids in Deutschland ihre Rezepturen melden, und die Verwendung von bestimmten gesundheitlich bedenklichen Inhaltsstoffen wurde verboten.

Henkler-Stephani warnt jedoch vor nicht registrierten Produkten zum Selbstmischen, die oft kein Nikotin enthalten und häufig online vertrieben werden. Da nikotinfreie Liquids nicht unter das Tabakrecht fallen, müssen die entsprechenden Bestimmungen auch nicht eingehalten werden. Absurderweise könnten sich dadurch Liquids mit Nikotin in einigen Fällen als sicherer erweisen.

Abgesehen davon gibt es in Deutschland auch kein mit den USA vergleichbares Jugendproblem: Zwar probieren auch hier viele junge Menschen E-Zigaretten aus. Ein regelmäßiger Konsum sei unter Jugendlichen aber sehr selten, schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) auf der Basis einer Befragung aus dem Jahr 2018. Demnach dampfen hierzulande vor allem Erwachsene, die zuvor schon geraucht haben.

Zwar wurde Juul in Deutschland am Freitag per einstweiliger Verfügung untersagt, seine Kartuschen für E-Zigaretten zu vertreiben. Dies hat allerdings nur indirekt mit der Gesundheitsdebatte zu tun. Der Juul-Konkurrent Niko Liquids hatte falsche Kennzeichnungen beanstandet. Als Konsequenz darf Juul seine Kartuschen für E-Zigaretten nicht mehr verkaufen, wenn deren Nikotingehalt von dem auf der Verpackung angegebenen Nikotingehalt abweicht, oder wenn auf der Kartusche das Symbol der durchgestrichenen Mülltonne für die Entsorgung von Elektronikschrott fehlt.

Viele Menschen in Deutschland versuchen, durch E-Zigaretten von herkömmlichen Zigaretten loszukommen. Ist das überhaupt noch eine gute Idee?

Ja, ist es. „Nach aktueller Studienlage sind E-Zigaretten deutlich weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten“, sagt Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Studien zu den kurzfristigen Auswirkungen hätten beispielsweise gezeigt, dass sich der Zustand von Patienten mit der Lungenkrankheit COPD besserte, nachdem sie auf E-Zigaretten umgestiegen waren. Außerdem sei belegt, dass E-Zigaretten bei der Rauchentwöhnung helfen können.

E-Zigaretten brächten zwar längst nicht alle weg vom Rauchen, sagt Mons. Doch für langjährige Raucher, die nicht von ihrer Sucht loskommen, könnten sie eine Alternative sein. „Ideal ist natürlich, ganz aufzuhören und gar nicht erst anzufangen.“ Allerdings sei noch nicht klar, wie sich E-Zigaretten langfristig auswirken, da sie noch nicht so lange auf dem Markt sind.

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