Das Winter-Dilemma: Drei Szenarien, wie hart die vierte Welle noch wird

Das Winter-Dilemma: Drei Szenarien, wie hart die vierte Welle noch wird

Wie stark und hart wird diese vierte Corona-Welle? Statistikerin Katharina Schüller hat drei Theorien aufgestellt, inwiefern die Winter-Strategie über das Frühjahr entscheidet. Sie ist sich sicher: Hätten wir spanische Impfraten, wäre die Pandemie beendet.

Die epidemische Notlage soll am 25. November enden. Daran halten Gesundheitsminister Jens Spahn und die künftigen Ampel-Koalitionäre fest. Das bedeutet nicht, dass gleichzeitig alle Maßnahmen fallen. Dennoch würde es vermutlich beeinflussen, wie die Menschen mit der Pandemie umgehen.

Dabei ist – gerade bei den aktuell steigenden Zahlen – eine Seite der Medaille, wie Deutschland durch den Pandemie-Winter kommt. Die andere, wie sich die Corona-Lage im Frühjahr darstellt. Beide hängen untrennbar zusammen. Die Strategie für den Winter entscheidet, wo wir im Frühjahr stehen.

Noch vor ein paar Wochen waren zahlreiche Experten sich einig darüber, dass die Pandemie dann vorbei sein könnte. Timo Ulrichs, Facharzt für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie hielt das auf Anfrage von FOCUS Online für realistisch. „Bis dahin werden Durchimpfungskampagne und parallele Durchseuchung der Ungeimpften eine Grundimmunität in unserer Bevölkerung erzeugt haben.“ Allerdings liegt dazwischen noch ein Corona-Winter – und der wird darüber entscheiden, ob wir etwas wie den Freedom Day eher im März feiern oder im Mai, wie der Virologe Alexander Kekulé vermutet.

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Statistikerin Katharina Schüller ist Vorständin der Deutschen Statistischen Gesellschaft und hat zur Corona-Lage für FOCUS Online drei Theorien aufgestellt.

Theorie 1: Wenn sich die Winterwelle dämpfen lässt, kommen wir relativ entspannt durch und starten mit einem geringerem Anteil von Genesenen oder an Corona Verstorbenen ins Frühjahr. „Die Impfrate und die dadurch entstehende Reduktion von R_0 erhöht die Effektivität der anderen Maßnahmen“, sagt Schüller. R_0 ist die Basis-Reproduktionsrate des Virus ohne weitere Schutzmaßnahmen (Abriegeln, Maske) – weil diese dann aber nur noch in einem kleinen Teil der Bevölkerung „durchschlage“, sei der Gesamteffekt kleiner und man könne die Infektionsketten auch schneller brechen.

Reproduktionszahl

Die Reproduktionszahl (genauer Basisreproduktionszahl) beziffert, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Sie ist ein wichtiger Indikator dafür, wie schnell sich eine Epidemie ausbreitet. Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen und Hygienevorschriften sollen die Reproduktionszahl senken.

In den österreichischen Zahlen sehe man zumindest einen stärkeren Anstieg unter den Ungeimpften als unter den Geimpften, was diese These stützen könnte.

Theorie 2: Eine schnelle Corona-Welle jetzt könnte den Höhepunkt der Corona-Welle aus dem Höhepunkt der Grippewelle raushalten. „Ich weiß aber nicht, ob ich in einem Land leben will, dass das so ausprobiert“, gibt die Statistikerin zu bedenken.

„Wenn uns bei Inzidenzen von 200 auffällt, dass sich die Krankenhäuser doch bedenklich füllen, dann ist das schwer zu stoppen und extrem zeitkritisch.“ Dann könne keiner vier Wochen warten, bis die Ministerpräsidenten etwas beschließen, die Ministerien es verordnen, die Menschen es umsetzen und es danach Wirkung zeige. „Das heißt, gerade wenn wir öffnen wollen, brauchen wir starke Gesetze, um im Notfall alles schnell stoppen zu können“, fordert die Datenexpertin.

Zur Person

Katharina Schüller ist Vorständin der Deutschen Statistischen Gesellschaft sowie Geschäftsführerin und Gründerin des Unternehmens „Stat-up“. Die Statistikerin entwickelte bereits eine Risiko-Modellierungs-Software für das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und arbeitete mit Kary Mullis zusammen, der für die Entdeckung der PCR (die biochemische Grundlage von Corona-Tests) den Nobelpreis bekam. Gemeinsam mit anderen Statistik-Experten veröffentlicht sie die „Unstatistik des Monats“ zur Einordnung aktueller Statistiken. Seit Beginn der Pandemie setzt sie sich für repräsentative Corona-Tests ein und startete dafür eine Petition.

Theorie 3: „Wenn wir portugiesische oder spanische Impfraten hätten, wäre die Pandemie beendet“, ist sich Katharina Schüller sicher. Einfache Rechnung: R_0 von Delta ist geschätzt bei 8: Der Corona-Wildtyp hat circa 3,5; Alpha (B.1.1.7) hat circa 5,25, Delta ist nochmal 40 bis 60 Prozent ansteckender.

„Das heißt, wir brauchen eine Impfrate höher als 7/8 (87,5 Prozent), um es zu stoppen, weil dann noch ein R=1 bleibt“, rechnet die Statistikerin FOCUS Online vor. Die Wahrheit sei selbstverständlich komplizierter. Beispielsweise bilden Menschen Cluster, Impfstoffe wirken manchmal nicht, sodass die Quote höher sein müsse. Gleichzeitig aber gäbe es auch Genesene, die häufig nicht in den offiziellen Meldestatistiken auftauchen.

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  • Deutschlands Winter-Dilemma

    Deutschland steckt demnach in einem Winter-Dilemma. Theorie 3 bleibt ohnehin fiktiv. Denn diese Impfraten werden in den nächsten Monaten nicht zu erreichen sein. Eine aktuelle Umfrage hat gerade ergeben, dass 88 Prozent der Ungeimpften sich nicht impfen lassen wollen.

    Mit These 1 kommt Deutschland glimpflicher durch den Winter. Aber es bedeutet wegen des geringen Anteils der Immunen auch, dass wir vermutlich noch Infektionen im Frühjahr haben werden. Und mit These 2 wird es im Winter kritischer. Aber es könnte dazu führen, dass wir dann nur noch sehr geringe Infektionen im Frühjahr haben.

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    Das Winter-Dilemma hätte verhindert werden können

    Wie Deutschland durch den Pandemie-Winter kommt und wie sich die Corona-Lage im Frühjahr darstellt, beschäftigte bereits die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und ihr Team. Sie berechneten hierfür drei Szenarien. Ihre Arbeit trägt den vielsagenden Titel „The Winter-Dilemma“, das Winter-Dilemma, und ist bisher noch nicht in einem Fachjournal publiziert.

    „Einerseits bedeutet die Beibehaltung von Einschränkungen eine geringere Covid-19-Inzidenz – und damit geringere Anreize, Kontakte zu reduzieren oder sich impfen zu lassen; dadurch riskiert man eine schwere Welle, sobald die Beschränkungen aufgehoben werden“, schreiben die Wissenschaftler. „Andererseits kann eine Lockerung der Beschränkungen über das derzeitige Impfniveau hinaus zu einem Übermaß an Morbidität und Mortalität führen.“ 

    Die Kollegen von WDR-Quarks haben das noch einmal anschaulich dargestellt:

    https://www.instagram.com/p/CVXCCnFKqmQ/

    Ähnlich wie Katharina Schüller kommt auch das Team um Viola Priesemann zu dem Schluss: Es wäre einfach gewesen, das Winter-Dilemma zu verhindern.

    Mehr Hintergrund zur Covid-Impfung

    Das zeige der Vergleich mit Szenarien, in denen die Impfquote höher als 70 oder sogar 80 Prozent liegt, wie beispielsweise in Portugal oder Dänemark. Die Wissenschaftler schreiben: „Ein Land, das dem Winter mit einer höheren Durchimpfungsrate entgegensieht, wird nicht in das Dilemma geraten.“ Das gelte selbst dann, wenn alle Corona-Maßnahmen aufgehoben werden.

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