Djordje Nikolic machte im März Skiurlaub in Ischgl – ohne es zu wissen wurde er zum Corona-Spreader

Djordje Nikolic machte im März Skiurlaub in Ischgl – ohne es zu wissen wurde er zum Corona-Spreader

Das geplante Video-Interview muss kurzfristig als Telefoninterview geführt werden. Nikolic ist den ersten Tag in den neuen Büroräumen des Freiburger Firmensitzes seiner Unternehmensberatung – und das Internet ist gerade ausgefallen. "Erstaunlich, was trotzdem schon alles funktioniert: Strom und Kaffeemaschine", sagt der 44-Jährige. Das Team habe am Tag zuvor wahnsinnig rangeklotzt, so dass fast alles fertig sei. Nach dem Gespräch wolle er alle zum Mittagessen einladen. 

Nikolic ist Arzt, hat jahrelang als Kardiologe gearbeitet, ist dann ins Management der Klinikkette Helios gewechselt und hat vor acht Jahren Consus Clinicmanagement gegründet, eine der führenden Beratungen für Kliniken (und einer der Capital Hidden Champions 2020). Anfang März hat er sich im Skiurlaub in Ischgl mit Covid-19 angesteckt. Für Workaholic Nikolic war es der "Tiefpunkt im Leben", der ihn ausgebremst und viel verändert hat: "Ein Schneller, Höher, Weiter um jeden Preis will ich nicht mehr".

Herr Nikolic, eigentlich sollten Sie jetzt in Berlin sein, haben Sie gerade erzählt – doch jetzt sitzen Sie in Freiburg. Warum?  

Das stimmt, in Berlin sind einige unserer wichtigsten Kunden, teils riesige Aufträge. Und tatsächlich bin ich nach dem Lockdown, als sich das Leben langsam wieder normalisiert hat, einmal nach Berlin gereist, um einen Kunden vor Ort zu besuchen.

So wie das für Sie früher wahrscheinlich selbstverständlich war. Wie war das?   

Von unserem nächstgelegenen Flughafen Basel gab es noch keine Flüge. Also bin ich zwei Stunden mit dem Auto nach Stuttgart zum Flughafen gefahren, habe mein Auto da für eine Nacht für 84 Euro im Parkhaus abgestellt und bin nach Berlin geflogen. Von Tegel aus mit dem Taxi durch die Stadt gefahren und am nächsten Tag alles wieder zurück. Das habe ich addiert – zeitlich, ökologisch, ökonomisch: Es kam mir danach vor wie eine Weltreise.

Und nun sparen Sie sich das?  

Zumindest habe ich gedacht: Was für ein Unsinn! Warum soll ich das denn machen? Ich hätte mich einfach von meinem Schreibtisch per Computer dazu schalten können.

Diese Überlegungen stellen ja viele Unternehmen derzeit an, um Kosten zu sparen und um das Infektionsrisiko zu minimieren. Bei Ihnen klingt das aber grundsätzlicher.

Corona war wirklich ein, vielleicht sogar der Tiefpunkt in meinem Leben. Nicht nur, weil der Lockdown die Art und Weise, wie wir als Berater arbeiten, komplett umgekrempelt hat. Sondern weil das Virus ja auch mich ganz persönlich getroffen hat.

Das müssen Sie bitte erklären.

Anfang März war ich wie jedes Jahr mit meinen fünf besten Freunden in Ischgl Skifahren. Wir hatten ein Appartement zusammen. Wer welchen Zahnputzbecher oder welches Weinglas genutzt hat, war relativ egal. Wir sind auch in Restaurants und einer Après-Ski-Bar gewesen. Das Virus hat es bei uns nicht schwer gehabt. Der Abreisetag war am 10. März, einem Dienstag. Das war drei Tage vor dem Lockdown in Ischgl. Ich hatte noch mit dem Hotelier geplaudert und war im besten Glauben, dass alles in Ordnung ist. Ich bin ganz früh ins Auto gestiegen und direkt ins Büro gefahren.

Sie wurden zum Super-Spreader?

Na ja, jedenfalls hatte ich mittags ein Meeting mit einem wichtigen Geschäftspartner. Der kam extra aus dem Ausland eingeflogen. Danach hatte er zwei Wochen lang viel Freizeit mit seiner Familie, weil er meinetwegen in Quarantäne musste. Am nächsten Tag hatte ich einen Notartermin. Und auch das Notariat hat danach zwei Wochen lang viel Gartenarbeit machen dürfen. Die Kollegen hier bei mir auf dem Flur waren ebenfalls betroffen. Ich war einer der innereuropäischen Corona-Kuriere. Aber ich hatte die ganze Zeit keinen Schimmer davon, dass ich betroffen bin. Erst am Donnerstag, zwei Tage nach meiner Rückkehr aus Ischgl, hatte der erste Freund aus unserer Skigruppe einen positiven Test.

Und wie war der Krankheitsverlauf?

Von uns sechs Freunden hat es fünf richtig heftig erwischt, wir waren richtig krank. Zwei mussten in die Klinik. Wir sind alle erfolgreiche Unternehmer, die nicht wegen jedem Zipperlein zu Hause bleiben. Aber da war der Spaß vorbei. Zu der Zeit war ja noch soviel unbekannt: Wie sind die Symptome? Wie geht es weiter? Da waren wir doch schon ziemlich verunsichert.

Haben Sie sich untereinander auf dem Laufenden gehalten?

Erst wurden in unserer Whatsapp-Gruppe noch Netflix-Tipps rumgeschickt. Aber das Heldentum versiegte relativ schnell. Bei mir begann es ganz unspektakulär mit Halskratzen und ein bisschen Husten. Das wurde immer extremer, es kamen Kurzatmigkeit und Luftnot dazu. Zehn Tage lang habe ich mit hohem Fieber im Bett gelegen und war wirklich kraftlos und krank. Ich wollte nicht aufstehen, nur liegen und schlafen.

Sie sind selber Arzt, haben als Kardiologe gearbeitet. Wie viel hat Ihnen Ihr Fachwissen in dieser Krise genützt?

Als Arzt horcht man schon sehr kritisch in sich hinein, versucht das abzugleichen mit den wenigen Informationen, die es zu der Zeit gab. Ich hatte auch einen Finger-Clip zu Hause mit dem ich regelmäßig meine Sauerstoffsättigung kontrolliert habe. Die war im unteren Normbereich. Ich habe auch meinen Puls und meine Temperatur gemessen und dokumentiert. Aber das Fieber blieb zwischen 39 und 40 Grad und ging nicht runter, obwohl ich schon eine Woche lang Medikamente genommen hatte. Ich habe es einfach nicht in den Griff bekommen. Das ist kein schönes Gefühl.

Haben Sie die ganze Zeit nüchtern, faktenorientiert resümiert oder hatten Sie Angst, auch vor dem Sterben?

Todesangst hatte ich zu keiner Zeit. Aber ich muss schon zugeben, dass ich bis heute Angst vor Langzeitschäden habe. Man liest immer, dass der Herzmuskel angegriffen wird und dass es neurologische Schäden geben kann. Dann fragt man sich schon, ob man noch so fit ist wie früher oder ob man schneller erschöpft ist, ob man Merkstörungen hat. Ich hatte beispielsweise Ende Juli meine praktische Prüfung zum Pilotenschein, die Privatpilotenlizenz für einmotorige Maschinen, gemacht. Die Ausbildung hat fast zwei Jahre gedauert. Dafür musste ich am Ende ziemlich viel büffeln. Und ich rede mir ein, dass es mir nach der Corona-Infektion erheblich schwerer gefallen ist, etwas in mein Gehirn einzustanzen. Diese Angst, was da gerade in meinem Nervensystem, in meiner Lunge, in meinem Herzmuskel passiert, die gibt es nach wie vor.

Wie haben Sie die Quarantänezeit verbracht?  

Ich war für gut zwei Wochen komplett von meiner Familie abgeschottet. Ich habe das Gästezimmer in unserem Haus bezogen, das zwölf Quadratmeter groß ist. Da passen gerade ein Bett und ein Schrank rein. Das habe ich nur für den Gang zu einer separaten Toilette im Keller verlassen. Diese soziale Isolation hat mir zu schaffen gemacht. Vor allem, dass ich meine beiden kleinen Kinder fernhalten musste, die mit dem kranken Papa kuscheln wollten. Die mussten vor meiner Türschwelle bleiben und durften durch den Türspalt nur kurz Hallo sagen. Meine Frau hat mir das Essen vor die Tür gestellt und ich habe das leere Tablett wieder rausgestellt.

Aber Sie haben nicht gearbeitet? 

Doch, ich habe erst noch vom Bett aus Videokonferenzen durchgeführt. Danach war ich aber abends so fertig, dass ich irgendwann die Reißleine gezogen habe, um mich zu schützen. Meine Frau hat mir auch die Leviten gelesen. Ich habe das Telefon ausgestellt und den Kollegen gesagt, dass sie mich nur im Notfall kontaktieren sollen, und dass ich mich melde, wenn ich wieder kann. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal mache. Aber ich habe gemerkt, dass ich dem Körper eine Chance geben muss, sich zu erholen.

Wann waren Sie wieder fit? 

Ungefähr nach einer Woche hatte ich die Kraft, wieder sinnvolle Gespräche zu führen. Nach zwei Wochen ging es mir besser. Aber es gab damals noch keinen formalen Prozess, wie ich meinen Hausknast verlassen durfte. Die Gesundheitsämter hatten sich zu dem Zeitpunkt nur auf die Corona-Erkrankten konzentriert und kannten solche Fälle von Genesenen noch nicht. Ich war einer der ersten, der wieder gesund war. Die wollten nicht, dass ich in eine Arztpraxis gehe, nannten aber auch keine Alternative. Irgendwann habe ich mich dann selbst als gesund attestiert und nach 16 Tagen das Gästezimmer verlassen.

Waren Sie auf so eine Lage irgendwie vorbereitet – hatten Sie einen Notfallplan für das Unternehmen? 

Das Unternehmen ist mittlerweile so aufgestellt, dass es mit den viele klugen Mitarbeitern formal reibungslos weiterfunktionieren würde. Aber es ist schon alles so auf mich fokussiert, dass es nicht mehr dasselbe Unternehmen wäre, wenn ich weg bin. Und die Corona-Pandemie hat uns unternehmerisch auch zu einem ganz ungünstigen Zeitpunkt erwischt.

Warum?  

Wir waren die Superstars der Branche, sind mehrfach ausgezeichnet worden und haben Millionengewinne gemacht, die wir immer in neue Menschen und Geschäftsideen investiert haben. Gerade 2019 haben wir so viele hochbezahlte Leute reingeholt, die sich natürlich noch nicht refinanziert haben. Wir wollten jetzt in 2020 richtig durchstarten und in diesen neuen Bereichen den Break-even schaffen. Und dann kommt so was.

Aber so eine Gesundheitskrise müsste für Ihr Beratungsgeschäft doch eine Hoch-Zeit sein?  

Heute vielleicht, damals nein. Im Lockdown durften wir nicht mehr in die Kliniken, die Programme in unserer Akademie konnten nicht mehr stattfinden und viele Krankenhäuser haben ihre Neu- und Umbau-Bauprojekte gestoppt, Kunden haben Verträge storniert. Gefühlt ging alles den Bach runter. Ich habe mich schon gefragt, ob wir das wohl schaffen. Beruflich hatte ich definitiv Existenzangst. Und ich liege da, fühle mich total krank, aber alle schauen zu mir und wollen wissen, was der nächste Schritt ist. Und ich muss ihnen sagen: 'Ich weiß es nicht, sagt ihr es mir, ich habe gerade keine Kraft.' So eine Situation macht einen einfach fertig. Das war eine extrem anstrengende Zeit.

Und das hat selbst bei einem Workaholic wie Ihnen, zu einem nachhaltigen Sinneswandel geführt? 

Die Krankheit und die Isolation haben mich sehr nachdenklich gemacht. Ich habe beruflich und privat Konsequenzen gezogen.

Das klingt sehr radikal. Was heißt das konkret? 

Es geht mir nicht mehr nur um schneller, weiter, höher. Das will ich nicht mehr um jeden Preis. Ich reflektiere viel kritischer die bestehenden Strukturen. Macht es überhaupt Sinn, was wir hier machen, wie wir es machen? Sind alle glücklich mit dem, was sie machen? Das ist viel intensiver in den Vordergrund getreten. Früher habe ich mich damit nicht aufgehalten. Heute sehe ich, dass das nicht gesund ist.

Wie hat sich dieses Umdenken ganz konkret bei Ihren Reisen bemerkbar gemacht?  

Ich stehe hier in unserem schönen, neuen Büro in Freiburg, das wir gerade bezogen haben. Das Geschäft ist wieder sehr gut angelaufen. Aber wie Sie gesagt haben, normalerweise wäre ich jetzt bei einer Sitzung in Berlin gewesen. Die Reise habe ich mir gespart. Vor Corona war mein Terminkalender immer komplett durchgetaktet – auch durch Reisen. Verrückterweise hat mich das gar nicht gestört und ich habe nicht eine Millisekunde an der Sinnhaftigkeit gezweifelt. Erst jetzt habe ich gemerkt, wie viel Energie mich das gekostet hat.

Und wie geht es jetzt weiter?  

Im Unternehmen sind wir wieder in einem normalen operativen Modus. Wir haben in einigen Bereichen sogar neue Chance ergriffen: Wir haben den Kliniken geholfen, sicheres Schutzmaterial über seriöse Beschaffungskanäle zu besorgen. Da sind wir mit Anfragen überrannt worden. Außerdem haben wir eine eigene Rechtsanwaltskanzlei gegründet, um Kliniken im Medizinrecht fachanwaltlich zu unterstützen. Aktuell ist diese mehr damit befasst, Kliniken im Umgang mit überteuerter und oftmals mangelhafter Schutzkleidung zu unterstützen. Und privat habe ich mir jetzt sogar ein E-Bike zugelegt. Ich bin wirklich ein Autonarr und hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, ob ich die 20 Kilometer mit dem Fahrrad ins Büro fahre, hätte ich Ihnen einen Vogel gezeigt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei "Capital"

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