Forscher zu Astrazeneca-Zweifeln: Viele Mediziner verstehen grundlegende Statistiken nicht

Forscher zu Astrazeneca-Zweifeln: Viele Mediziner verstehen grundlegende Statistiken nicht

Der Impfstoff Astrazeneca hat ein PR-Problem. Angefangen hat es mit einem medienwirksamen Clinch mit der EU und einer möglichen Bevorzugung Großbritanniens bei der Impfstoff-Vergabe. FOCUS Online berichtete. Nun sorgt die Wirksamkeit von „lediglich“ 70 Prozent für Schlagzeilen.

Was viele dabei missverstehen: Eine Wirksamkeit von 70 Prozent bedeutet nicht, dass von zehn Geimpften drei krank werden.

Das Missverständnis: 70 Prozent wirksam heißt nicht, dass 30 Prozent krank werden

Denn die Wirksamkeit einer Impfstudie bezieht sich nicht auf die Gruppe der Geimpften, sondern auf die der Infizierten. Das erklären auch FOCUS-Online-Corona-Erklärerin Katharina Schüller, sowie der Berliner Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer in ihrer Unstatistik des Monats.

Somit bezieht sich eine Wirksamkeit von 70 Prozent also keineswegs auf sieben von zehn Menschen, die zur Impfung gehen. Auch nicht auf alle Teilnehmer der Studie, ebenso wenig auf alle Menschen in Deutschland, die sich mit dem Vakzin impfen lassen. „Sie ist eine relative Risikoreduktion, die sich auf die Zahl der Erkrankten bezieht, aber keine absolute Reduktion, die sich auf alle Geimpften bezieht“, erklären die Statistik-Experten.

Um den Unterschied zwischen der relativen und absoluten Risikoreduktion besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Grippeschutzimpfung: In der Altersgruppe zwischen 16 und 65 Jahren und einer Saison mit geringer Verbreitung des Grippevirus liegt die Wirksamkeit der Grippeschutzimpfung etwa bei 50 Prozent. „Diese Zahl bedeutet aber nicht, dass 5 von 10 Geimpften vor der Grippe geschützt sind“, erklären die Experten der „Unstatistik“.

„Sie bedeutet, dass von je 100 Personen ohne Impfung zwei eine bestätigte Influenzainfektion bekamen, und von je 100 Personen mit Impfung nur eine.“ Es handelt sich also um eine Reduktion um die Hälfte (50 Prozent). Bei einer Wirksamkeit von 70 Prozent, bei der das Risiko um 70 Prozent reduziert wird, würden in diesem Fall also anstatt zwei Menschen, nur 0,6 Personen erkranken.

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Astrazeneca-Wirksamkeit für schwere Verläufe genauso hoch wie Biontech/Pfizer

Mit einfacheren Worten: „Die Zahl bezieht sich auf die Verringerung von leichten Erkrankungen, also von 100 Erkrankten unter den Nichtgeimpften auf 30 unter den Geimpften. Als Erkrankung gilt mindestens ein Symptom wie leichtes Fieber und ein positives Testergebnis“, erklärt Gigerenzer im Gespräch mit dem „Spiegel“.

Wichtig ist dabei auch: Die Angabe zur Wirksamkeit der Hersteller bezieht sich auf leichte Erkrankungen. Für schwere Verläufe oder gar Todesfälle gibt es noch keine belastbaren Daten, allerdings geht man hierbei von einer deutlich höheren Wirksamkeit des Vakzins aus. Und: „Dazu gibt es erste Zahlen, die praktisch keinen Unterschied zwischen den Impfstoffen von Astrazeneca und Pfizer zeigen. Soweit wir es heute wissen, schützen beide Impfstoffe gleich gut vor schweren Verläufen“, so Gigerenzer weiter.

Zugegeben das Thema ist sehr komplex. Aber Ärzte und medizinisches Personal müssten die Berechnung doch verstehen?

Astrazeneca-Zweifel unter Medizinern: „Viele verstehen selbst grundlegende Statistiken nicht“

Gigerenzer hat als Bildungsforscher in vielen Ländern Ärzte und Medizinstudenten befragt und getestet. Seine Beobachtung schildert er dem „Spiegel“: „Die wenigsten Mediziner erhalten eine angemessene Ausbildung im Verständnis von Evidenz, also wie man auf Basis von Studienergebnissen die Wirkung einer Therapie oder Impfung richtig beurteilt.“ Er beklagt: „Viele Mediziner verstehen selbst grundlegende Statistiken nicht, weil das nicht ausreichend gelehrt wird. Es herrscht weitgehende, aber unnötige kollektive Zahlenblindheit.“

Das Problem habe dabei nichts mit Intelligenz oder Intuition zu tun, betont der Forscher. „Es liegt an der mangelnden Einsicht der Institutionen, dass es eben wichtig wäre, dieses Denken so zu lehren, dass man es auch versteht.“

Als nachhaltigste Lösung empfiehlt Gigerenzer eine Änderung des Mathematik-Lehrplans an Schulen – hin zu mehr Statistik. Das sei im Gesundheitsbereich ebenso essentiell wie im Finanzwesen. Und: „Auch an den Universitäten müsste statistisches Denken gelehrt werden, und zwar nicht abstrakt, sondern problemorientiert.“

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