Großbritannien stuft Indien-Mutation als „besorgniserregend“ ein – was das für uns bedeutet

Großbritannien stuft Indien-Mutation als „besorgniserregend“ ein – was das für uns bedeutet

Wie gefährlich ist die indische Corona-Mutation? Endgültig können Forscher das bisher nicht sagen, doch die Hinweise mehren sich, dass die Variante nicht nur ansteckender ist, sondern auch die Immunabwehr beeinflussen könnte. Großbritannien hat darauf nun reagiert. In Indien eskaliert die Lage weiter.

Die britischen Behörden schätzen die zuerst in Indien entdeckte Corona-Variante B.1.617 als „besorgniserregend“ ein. Damit stufen sie die Mutante in der ihr zugeschriebenen Gefährlichkeit hoch. Zuvor war sie lediglich als „Variante unter Beobachtung“ geführt worden. Mittlerweile habe sie sich aber als ansteckender erwiesen als andere Subtypen des Coronavirus, erklärte Susan Hopkins von der Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE). Es gebe allerdings noch keine ausreichenden Daten dazu, ob die Variante auch schwerere Erkrankungen auslöse oder die Wirkung von Impfstoffen schwäche, betonte sie.

Mehr als 500 registrierte Fälle in Großbritannien

Die Ansteckungen mit der indischen Virus-Variante scheinen im Vereinigten Königreich jedoch stark zuzunehmen – wenngleich bisher auf einem niedrigen Niveau. So haben britische Labore bislang 520 Fälle von B.1.617 nachweisen können. In der vergangenen Woche meldeten sie noch 202 bestätigte Infektionen. Fast die Hälfte der Ansteckungen stünden in Zusammenhang mit Reisen oder Kontakten zu Reisenden, schreibt die Gesundheitsbehörde PHE.

Die Mutation sei grundsätzlich bereits im ganzen Land nachgewiesen worden, die meisten Fälle stammten allerdings aus dem Nordwesten des Landes, vor allem aus der Stadt Bolton, und aus London – dort stelle man seit der Aufhebung des strikten Lockdowns auch die größte Mobilität fest.

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Die Behörden appellieren deshalb an die britische Bevölkerung, sich trotz der gelockerten Kontaktregeln und Öffnungen zum Beispiel der Außengastronomie weiter an die Corona-Schutzmaßnahmen zu halten. „Auch wenn wir alle ein wenig mehr Freiheit genießen, ist das Virus weiterhin da“, erklärt die PHE-Verantwortliche Susan Hopkins. „Halten Sie Abstand, waschen Sie sich regelmäßig die Hände und bedecken Sie drinnen Nase und Mund, lüften Sie Gebäude gut und treffen Sie Menschen aus anderen Haushalten draußen.“

15 Astrazeneca-Geimpfte in Pflegeheim infiziert

Einem Medienbericht nach sollen auch 15 Menschen in einem Londoner Pflegeheim mit der Mutante infiziert sein. Das Brisante dabei: Sie sollen zuvor bereits zweimal mit dem Impfstoff von Astrazeneca geimpft worden sein. Wie der „Spiegel“ berichtet, hatten die Betroffenen die zweite Impfdosis allerdings erst wenige Tage vor dem Ausbruch gespritzt bekommen. Ein vollständiger Impfschutz sei demnach noch nicht zu erwarten gewesen.

Vier der Infizierten mussten dem Bericht zufolge in einer Klinik behandelt werden. Einen schweren Covid-Verlauf soll keiner der infizierten Personen entwickelt haben. Die Wirksamkeit des Vakzins stellen diese Fälle zumindest in Frage. Dass der Impfstoff gegen die Mutante versagt hat, scheint angesichts von keinem einzigen schweren Verlauf allerdings eher unwahrscheinlich. Wie gut die Impfstoffe insgesamt gegen B.1.617 wirken, ist bisher unklar; auch inwieweit Unterschiede zwischen den Vakzinen bestehen.

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So bewertet das RKI die Indien-Mutation

Das Robert-Koch-Institut (RKI) stuft die indische Corona-Mutation bislang lediglich als „Variante unter Beobachtung“ ein (Variant of interest) – inklusive der Untervarianten B.1.617.1, B.1.617.2 und B.1.617.3.

Die Mutation sei zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra gefunden worden und verbreite sich dort stark, schreibt Deutschlands oberste Infektionsschutzbehörde in ihrem aktuellen Bericht. In Deutschland konnte sie demnach bisher nur vereinzelt nachgewiesen werden.

Die Virus-Variante zeichne sich unter anderem durch zwei Veränderungen in der Aminosäurensequenz am sogenannten Spike-Protein des Virus aus. Damit dockt der Erreger an die menschlichen Zellen an. Das könnte B.1.617 nicht nur ansteckender, sondern auch weniger anfällig für die durch die Impfung und durchgemachte Infektion provozierten Antikörper machen – und die Abwehrfähigkeit des Körpers reduzieren. Aussagekräftige Daten gibt es dazu bisher nicht.

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Indien meldet erneut traurige Corona-Höchstwerte

In Indien breitet sich die Mutation weiter extrem schnell aus. Zum zweiten Mal in Folge hat das Land am Freitag einen weltweiten Höchststand an Corona-Neuinfektionen von mehr als 400.000 Fällen registriert. Und auch die Todeszahlen erreichten einen neuen traurigen Höhepunkt: Erstmals zählte Indien mehr als 4000 Corona-Tote binnen 24 Stunden. Wie das Gesundheitsministerium am Samstag mitteilte, wurden 4187 Todesopfer im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gemeldet, so viele wie noch nie an einem einzigen Tag.

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Dass an den enorm hohen Zahlen allein die ansteckendere Virus-Mutation schuld ist, bezweifeln Wissenschaftler – auch wenn die Dunkelziffer der tatsächlichen Fälle sogar noch deutlich höher liegen dürfte. Vor allem in ländlichen Teilen des Landes ist es schwer, einen Corona-Test durchführen zu lassen. Viele Menschen sterben zudem zu Hause, und tauchen nicht immer in den Statistiken auf.

Die Eskalation der Corona-Lage führen Experten allerdings zumindest in Teilen auch auf die offenbar weit verbreitete Sorglosigkeit der Inder zurück. So gab es zuletzt viele Massenveranstaltungen für Regionalwahlen im Land und religiöse Feste ohne Masken und Abstand. Noch immer sind Ansammlungen von mehreren hundert Menschen erlaubt. Zudem haben erst knapp zehn Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten. Die Krankenhäuser sind überfüllt und nicht in der Lage, alle schwerkranken Corona-Patienten zu behandeln. Um das Leid der Menschen zu lindern, haben nach Angaben örtlicher Behörden inzwischen mehr als 40 Länder Hilfslieferungen nach Indien gebracht. Deutschland schickte eine große Sauerstoffgewinnungsanlage sowie 120 Beatmungsgeräte.

Was bedeutet die Indien-Mutation für Deutschland?

Epidemiologe und Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warnt indes bereits vor möglichen Konsequenzen für Deutschland, sollte sich die Mutation auch hierzulande ausbreiten. Die Entwicklung in Großbritannien müsse besorgen, schreibt er auf Twitter. „Der Anstieg sieht nicht gut aus. Wir sollten auf jeden Fall gezielt nach den beiden Hauptmutationen suchen in unserer Routinesequenzierung.“

Die Variante sei demnach wohl doch so ansteckend wie die zunächst in Großbritannien entdeckte und inzwischen auch in Deutschland dominante Variante B.117 und könne sich womöglich bei Teilgeimpften durchsetzen, befürchtet Lauterbach. Damit gefährliche Mutationen nicht den bislang erreichten Corona-Fortschritt zunichtemachen, müssten die Fallzahlen in Deutschland jetzt schnell reduziert werden.

Darauf hatten Virologen bereits mehrfach hingewiesen. Denn je mehr Infektionen stattfinden, desto höher ist nicht nur das Risiko, dass Mutationen weniger gefährliche Virustypen verdrängen. Auch das Risiko, dass sich impfstoff-resistente Mutationen bilden, sogenannte Escape-Varianten, steigt.

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