Italienische Ärztin: „Höre noch auf dem Heimweg das Piepen der Sauerstoffgeräte“

Italienische Ärztin: „Höre noch auf dem Heimweg das Piepen der Sauerstoffgeräte“

Seit mehr als einem Monat arbeitet sie nahezu pausenlos auf der Intensivstation. Francesca Mangiatordi ist eine der Medizinerinnen, die in Italien um das Leben zahlreicher Coronapatienten kämpfen. Was sie täglich erlebt, gleicht einem Alptraum.

Jeden Tag geht es für sie um das Leben von Menschen. Die Ärztin Francesca Mangiatordi arbeitet im Krankenhaus der norditalienischen Stadt Cremona, rund 100 Kilometer von Bergamo, dem italienischen Epizentrum der Coronakrise. Der „Bild“ berichtet die 46-Jährige über ihren Alltag.

„Bis zum 20. Februar war Wuhan in China für uns alle sehr weit weg. Niemand hätte für möglich gehalten, dass eine Stadt, die so weit entfernt ist, so viel Unglück über uns bringen kann“, erklärte Mangiatordi.

Anfangs habe sie in den Gesichtern ihrer Arbeitskollegen lediglich eine gewisse Unsicherheit erkennen können. Die Unsicherheit wich nun regelrechter Verzweiflung.

Am 20. Februar tauchte der erste Coronapatient in der Klinik auf. Heute, rund einen Monat später gibt es in Italien 80.589 Infizierte, 8215 Menschen starben an den Folgen das Virus. Damit steht das Land an der Spitze der Todesfälle, noch vor Spanien und China. (Stand: 27. März, 11 Uhr)   
 

„Als wären sie kurz vor dem Ertrinken“

Die Ärzte sind überfordert, Notversorgung und Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus, um alle Patienten zu betreuen. Während die Ärzte die eine Person behandeln, wird bereits die nächste zu ihnen gebracht. Anfang der Woche lagen 40 Patienten auf der Intensivstation – obwohl das Krankenhaus nur Kapazitäten für zehn Schwerstkranke hat.

Zu sehen, wie sehr die Patienten leiden, ist hart für die Ärzte, „Alle hatten eine tiefblaue Gesichtsfarbe. Als wären sie kurz vor dem Ertrinken“, berichtet die Medizinerin. „Die, die noch selbstständig laufen konnten, blieben nach zwei Schritten stehen, als hätten sie einen Marathon hinter sich.“

„Wir fühlen uns wie auf einem Boot, bei tosendem Seegang“

Es sei ein Alptraum. Nicht zu glauben, dass es wirklich passiere. „Selbst, wenn ich nicht in der Klinik bin, habe ich das Geräusch in meinen Ohren, wie Menschen nach Luft schnappen“, sagt Mangiatordi.

Die Ärzte tragen Schutzanzüge und Atemmasken. Das macht es schwer zu atmen, schwer, sich zu bewegen. „Wir fühlen uns wie auf einem Boot, bei tosendem Seegang“, berichtet die 46-Jährige. „Wir werden von rechts nach links geschleudert und versuchen, irgendwie nach vorne zu gehen. Aber es will einfach nicht klappen.“

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„Widerspricht allem, was uns dazu gebracht hat, diesen Beruf zu wählen“

Eine weitere, große Belastung: Mangiatordi muss wählen. Wählen, wen sie zuerst behandelt. „Es gab zu viele Patienten und zu wenig Personal“, berichtet die Ärztin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Dass sie entscheiden muss, wen sie behandelt und wen nicht, macht der Ärztin zu schaffen.

„Wir haben versucht, allen zu helfen, ohne Unterschied. Und seit wir wählen müssen, leiden wir als Menschen schwer darunter“. Oft müssten ältere Patienten warten, weil junge zuerst behandelt würden. „Das widerspricht allen unseren Prinzipien. Das widerspricht allem, was uns dazu gebracht hat, diesen Beruf zu wählen. Man kann nicht wählen, wer leben darf und wer nicht“, sagt sie.

Keiner ihrer Kollegen spreche noch. Die Mediziner verständigten sich nur noch mit Blicken. „Das einzige Geräusch ist das Piepen der Sauerstoffgeräte. Manchmal höre ich sie noch auf dem Heimweg.“

„Habe Angst, das Böse nach Hause zu bringen“

Nach ihrer Schicht duscht sich die Medizinerin, begegnet auf dem Weg nach draußen noch weiteren Patienten, die sie um Hilfe und Rat bittend ansehen. Viele seien allein, hätten keine Angehörigen.

Zuhause dusche sie ein zweites Mal. Aus Rücksicht auf ihre Familie hält sie Abstand zu ihren Liebsten. „Ich habe Angst, das Böse zu ihnen zu bringen“, erklärt Mangiatordi. „Eine Umarmung wäre das Schönste, aber ich muss meine Familie schützen.“

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