Liegt Covid-Risiko in unseren Genen? Forscher finden neue Marker für schweren Verlauf

Liegt Covid-Risiko in unseren Genen? Forscher finden neue Marker für schweren Verlauf

Wissenschaftler suchen seit Monaten nach Faktoren, die einen schweren Covid-Verlauf vorhersagen können. Ein internationales Forscherteam analysierte jetzt die Daten von rund 50.000 Infizierten. Ihre Hoffnung: Einen Test zu entwickeln, der das Risiko in unseren Genen findet.

Bestimmte Personengruppen erleiden bei einer Corona-Infektion mit höherer Wahrscheinlichkeit einen schweren Verlauf. Sie zählen zur Risikogruppe, etwa wegen ihres Alters oder bestimmter Vorerkrankungen, welche das körpereigene Immunsystem schwächen. Es gibt allerdings weitere Faktoren, die das Risiko für einen schweren Verlauf erhöhen. Diese sind meist weniger offensichtlich – denn sie liegen in unserem Blut oder in unseren Genen.

In den vergangenen Monaten hatten internationale Wissenschaftler immer wieder versucht zu ermitteln, welche Biomarker für einen schweren Verlauf verantwortlich sein könnten. Das Ziel dieser Untersuchungen ist es, einen Test zu entwickeln, mit dem sich ein erhöhtes Covid-Risiko schon früher vorhersagen lässt.

Forscher analysieren Daten von 50.000 Covid-Patienten

Internationale Forscher veröffentlichten jetzt im Rahmen der „Covid-19 Host Genetics Initiative“ eine große Metastudie, um relevante Biomarker zu finden. Die Ergebnisse veröffentlichten sie im renommierten Fachblatt „Nature“. Die Autoren um Genetikerin Samira Asgari von der Harvard Medical School trugen für ihre Untersuchungen die Daten von knapp 50.000 Covid-Patienten und rund zwei Millionen Kontrollpersonen zusammen. Bei dieser „Genomweiten Assoziationsstudie“ handelt es sich um die „Zusammenarbeit von rund 3000 Forschern und Kliniken“, wie die Wissenschaftler schreiben. Insgesamt 46 Studien aus 19 Ländern wurden bei der Analyse berücksichtigt.

Die Studienautoren teilten die teilnehmenden Covid-Patienten aus allen 46 Studien in drei Gruppen ein:

Mit dieser Einteilung konnten die Wissenschaftler Unterschiede in der Häufigkeit von Millionen genetischer Varianten zwischen den Covid-Patienten und den Teilnehmern der Kontrollgruppe ermitteln. Auch, ob bei den Betroffenen nur eine erhöhte Ansteckungsgefahr vorlag oder ob sie tatsächlich auch einen schweren Verlauf erlitten. Im Anschluss kombinierten sie die Ergebnisse aller 46 Studien. 

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Dabei ermittelten die Forscher insgesamt 13 Genvarianten, die sie mit einer Corona-Infektion und deren Schweregrad in Verbindung bringen konnten. Experten sprechen hier von sogenannten Loci. Ein Genlocus beschreibt die physikalische Position eines Gens in einem Chromosom.

  • Sechs der dreizehn entdeckten Loci waren laut den Wissenschaftlern bislang noch nicht in früheren Genomstudien zu Covid 19 entdeckt worden.
  • Vier der Loci beeinflussten demnach die allgemeine Anfälligkeit, also das Ansteckungsrisiko für Sars-CoV-2.
  • Neun der Loci standen im Zusammenhang mit der Schwere des Covid-19-Verlaufs.

Praktischer Nutzen der Genanalyse

Die Studie warf unter anderem neues Licht auf den Zusammenhang mit einem bestimmten Marker. Das Gen FOXP4 wurde etwa in früheren Studien mit der Entwicklung von Lungenkrebs in Verbindung gebracht, wie das „Ärzteblatt“ schreibt. Davon abgesehen beurteilt das Magazin die Studienergebnisse allerdings als ernüchternd.

Auch wenn die Studie mit ihrem enormem Umfang neue Risikofaktoren ermitteln konnte, reichten die Ergebnisse nicht aus, um praktisch angewandt zu werden. „Die Hoffnung, einen genetischen Risikofaktor zu finden, der wie Alter, Geschlecht und Body-Mass-Index das Erkrankungsrisiko deutlich beeinflusst, hat sich nicht erfüllt“, heißt es. Die Heritabilität der 13 Faktoren liege zusammen im Bereich von unter einem Prozent. Das bedeutet, dass die Eigenschaften, in diesem Fall die Genvarianten, nur zu diesem geringen Prozentsatz angeboren sind. Einen Gentest, mit dem sich der Covid-Verlauf vorhersagen lässt, werde es deshalb nicht geben.

Mehr genetische Vielfalt

„Diese Studie der Covid-19 Host Genetics Initiative stellt einen wichtigen Meilenstein in unserem Verständnis der Rolle der Humangenetik bei der Anfälligkeit für SARS-CoV-2 dar; es bleibt jedoch noch mehr zu tun“, räumen auch die Studienautoren ein. Zukünftige Experimente sollten alle Gene, Signalwege und biologischen Mechanismen bestimmen, die die identifizierten genomischen Loci mit den Ergebnissen von Covid-19 verbinden.

Außerdem nennen sie ein weiteres Manko der eigenen Analyse: Trotz der Bemühungen der Autoren, genetisch unterschiedliche Studiengruppen mit einzubeziehen, seien rund 80 Prozent der Teilnehmer europäischer Abstammung. Die Autoren schlussfolgern daher: „Zukünftige Studien mit einer größeren Anzahl von Personen anderer Abstammungsgruppen sind erforderlich, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse auf Nichteuropäer zutreffen und um andere Loci zu identifizieren, die bei Personen anderer Abstammung mit Risiken verbunden sein könnten.“

Forscher suchen schon länger nach Warn-Biomarkern

Einen konkreten, angeborenen Risikofaktor in den Genen, der – ähnlich wie etwa das Alter – einen schweren Verlauf vorhersagen kann, haben die Wissenschaftler also bislang nicht gefunden. Die Theorie, die Schwere einer Infektion anhand von Biomarkern abzuschätzen, besteht allerdings schon länger.

So ermittelten deutsche Forscher schon im vergangenen Herbst, dass unreife rote Blutkörperchen und Blutplättchen ein Warnzeichen für einen schweren Covid-Verlauf sein können.

  • Lesen Sie hier mehr zur Studie: Warnsignal für schweren Corona-Verlauf: Forscher identifizieren zwei neue Biomarker 

Schweizer Wissenschaftler hatten im Frühjahr ebenfalls einen Warn-Marker ausgemacht: die Anzahl der natürlichen Killer-T-Zellen im Blut. Dabei handelt es sich um eine Klasse der weißen Blutzellen und einen Teil der frühen Immunabwehr. Je niedriger diese ist, umso wahrscheinlicher ist ein schwerer Verlauf.

  • Mehr zur Analyse der Schweizer Forscher: Warnsignal im Blut: Forscher finden Biomarker, der schweren Covid-Verlauf ankündigt

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