Seit sechs Tagen in der Vorhölle: Das erlebt ein Arzt mit Flüchtlingskindern

Seit sechs Tagen in der Vorhölle: Das erlebt ein Arzt mit Flüchtlingskindern

Ein pensionierter Arzt kümmert sich in Zirndorf um kranke Flüchtlingskinder und ihre Familien. Die häufig traumatisierten Kinder können sich oft nicht verständigen. Doch das ist nicht das einzige Problem in der medizinischen Versorgung.

Die kleine Dunja und ihre Schwester Dina schauen misstrauisch, als Doktor Helfried Gröbe sich mit einer Handpuppe zu ihnen setzt. "Der ist genauso ängstlich wie ihr", sagt Gröbe auf Englisch zu den beiden Flüchtlingskindern. Dunja und Dina verstehen den Satz nicht, doch die sanfte Stimme des 75-Jährigen beruhigt sie: Die Schwestern werden zutraulicher.

"Sind jetzt seit sechs Tagen in der Vorhölle"

Vorsichtig hört Gröbe die hustenden Patientinnen ab. Dann streckt der Vater der beiden Mädchen ihm sein Handy entgegen. Mit einem Übersetzungsprogramm hat er geschrieben: "Können die Sprache nicht. Sind jetzt seit sechs Tagen in der Vorhölle." Im mittelfränkischen Zirndorf. 

Gröbe würde gerne etwas sagen, doch der Vater versteht nicht einmal Englisch. So bleibt nur ein etwas ratloser und mitleidsvoller Blick. "Viel Kommunikation ist nicht möglich, das meiste ist non-verbal", sagt Gröbe. Die fehlenden Dolmetscher seien ein großes Problem. "Die banalen Dinge kann man schon erfassen. Aber wenn es um Traumatisierung und psychosoziale Probleme geht, ist die Sprache unbedingt erforderlich." 

Arzt sieht viele Folternarben und Fluchtverletzungen

Der aus der Pension wiederaktivierte Arzt sieht bei seinen Patienten in Zirndorf Folternarben und behandelt Fluchtverletzungen von Kindern, die mitbekommen haben, wie neben ihnen die Eltern ertrunken sind. Teils kümmert er sich um kleinere Kinderkrankheiten wie Fieber, Durchfall und Husten, die dem Stress und der Enge der Erstaufnahmeeinrichtung geschuldet sind. Oft sind die Probleme aber psychischer Natur.

"Da gibt es gestandene Väter, die weinend dasitzen und verzweifelt sind", sagt Gröbe. "Psychosozial bin ich dann oft überfordert. Und ich weiß ja, was für ein Marathon in Deutschland noch auf sie zukommt." 

Ort schaffen, damit Flüchtlinge sich zehn Minuten wohlfühlen

Bis zu 60 Prozent der Patienten in Zirndorf sind nach seinen Schätzungen traumatisiert. "Das sollte man nicht unterschätzen, auch wenn sie in meinem Raum auch lachen können." Seit Kurzem unterstützt eine Psychiaterin das Ärzteteam einmal pro Woche. 

Den beengten, kurzfristig aus dem Boden gestampften Untersuchungsraum hat Gröbe mit Bildern seiner Arbeit für "Ärzte für die Dritte Welt" und Kinderpostern etwas heimeliger gemacht. "Ich versuche einen Ort zu schaffen, wo sich die Flüchtlinge zumindest zehn Minuten wohlfühlen können und ihnen zugehört wird", sagt er. Seine Sprechstunde in Zirndorf hat er seit einem Jahr. Zweimal pro Woche von 9 Uhr bis 11.30 Uhr – so steht es in mehreren Sprachen an der Tür zur provisorischen Praxis. 

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