Tausende Neuinfektionen in der Lombardei – Zweifel an italienischen Statistiken werden lauter

Tausende Neuinfektionen in der Lombardei – Zweifel an italienischen Statistiken werden lauter

Wie viele Menschen in Italien haben sich wirklich mit dem Coronavirus angesteckt? Den offiziellen Zahlen von Mittwochabend zufolge sind es rund 80.500. Doch daran gibt es nun Zweifel. Politiker und Behördenvertreter befürchten, dass es viel mehr sind.

Für sorgenvolle Gesichter sorgten am Donnerstagnachmittag auch die Aussagen des Präsident der Lombardei, Attilio Fontana. Seine Region verzeichnete innerhalb von 24 Stunden 2500 Neuinfektionen. Fontana dazu: „Die Zahlen sind nicht gut.“

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Anstieg in der Lombardei „etwas zu stark“

Eigentlich sah man sich in den vergangenen Tagen auf einem guten Weg in Norditalien. Vor allem die Kurve der Todeszahlen flachte allmählich endlich ab. Auch bei den Neuinfektionen lag man teilweise jeweils unter den Werten des Vortags. Doch am Donnerstag dann die Hiobsbotschaft: Innerhalb eines Tages gab es allein in der Region Lombardei 2500 neue Infektionen. Das fiel auch Fontana auf: „Die Zahl der Infizierten ist im Vergleich zu den letzten Tagen etwas zu stark gestiegen“, sagte er am Donnerstag.

Zum Vergleich: In den letzten drei Tagen lag die Zahl Neuinfizierter in der Lombardei zwischen 750 und knapp über 1000. Italienweit steckten sich im gleichen Zeitraum täglich jeweils zwischen 4500 und 5500 neu an.

Fontana weiter: „Wir werden beurteilen müssen, ob es sich bei dem Anstieg um eine außergewöhnliche Tatsache handelt, die durch eine spezielle Episode bestimmt wird, oder ob es eine steigende Tendenz ist, was ein wenig unangenehm wäre.“

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Hat Italien den Höhepunkt der Epidemie erreicht?

Die sprunghaft angestiegene Zahl könnte darauf hindeuten, dass Italien langsam den Höhepunkt erreicht hat – Wissenschaftler hatten den in der Vergangenheit bereits für die Tage rund um den 25. März vorausberechnet. Ähnlich äußerte sich auch Fontana: „Ich weiß nicht, ob der Höhepunkt erreicht ist oder ob wir etwas verpasst haben – diese Bewertungen überlasse ich den Experten –, aber ich kann nur sagen, dass ich persönlich besorgt bin.“

Auch Fabrizio Nicastro vom Nationalen Institut für Astrophysik (INAF) sagte auf Anfrage der Nachrichtenagentur Ansa, der Höhepunkt der Corona-Welle in Italien sei „sehr nah“. In seinen Augen dürfte es sich aber nicht um eine Spitze handeln, sondern „eine Art Plateau“. Die bisherigen Fallzahlen seien allerdings von Norditalien dominiert. Sollten diese „in einer anderen wichtigen Region explodieren, das ist klar, wird die Kurve wieder ansteigen“, so Nicastro.

Don Mario, Priester in der Kleinstadt Seriate bei Bergamo, spricht Gebete für zahlreiche Corona-Tote, die in der Kirche seiner Stadt aufgebahrt wurden. Im Hintergrund rollen Mitarbeiter bereits den nächsten Sarg herein. Die Region ist besonders stark von der Pandemie betroffen.

Wie viele Menschen starben wirklich an Covid-19?

Unterdessen wachsen bei einigen Politikern und Behördenvertretern Zweifel: In Norditalien meldeten sich nun einige von ihnen zu Wort, die die offiziellen Infektions- und Todeszahlen für viel zu niedrig halten. So wie Bürgermeister der Stadt Nembro bei Bergamo, Claudio Cancelli, und einer seiner Behördenmitarbeiter, Luca Foresti.

Ihre Stadt liegt mitten in der Hotspot-Zone, wo es bereits Tausende Fälle gab. Offiziell wurden in Nembro bislang aber nur 31 Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet, schrieben sie am Donnerstag in der Zeitung „Corriere della Sera“.

„Etwas an dieser Zahl hat uns nicht überzeugt und deshalb haben wir uns die Statistiken zu den durchschnittlichen Sterbefällen in der Gemeinde aus den Vorjahren in der Zeit von Januar bis März angeschaut“, schrieben die beiden Männer. „Die Zahl der Sterbefälle müsste unter normalen Umständen bei ungefähr 35 liegen. In diesem Jahr haben wir aber 158 (Sterbefälle) verzeichnet, also 123 mehr als im Durchschnitt.“ Die Zahl 31 könne also nicht stimmen.

In die offiziellen Statistiken fließen nur Todesfälle in Kliniken und Altenheimen ein

Nach Angaben der beiden Männer gibt es ähnliche Auffälligkeiten in anderen Orten der Region, vor allem in Cernusco sul Naviglio. Dort gab es demnach sechs Mal mehr Tote als in der offiziellen Coronavirus-Statistik auftauchen.

Angst vor der zweiten Corona-Welle

Wieso die Infektionszahlen in Italien jetzt erst richtig steigen könnten

Am Mittwoch hatte auch schon der Bürgermeister der stark betroffenen Stadt Brescia Alarm geschlagen, dass die Zahl der Infektions- und Todesfälle viel höher sei als offiziell angegeben. Viele Kranke seien bei sich zu Hause „und wir wissen nicht, wie es ihnen geht“, erklärte Emilio Del Bono.

Italien hat offiziell mehr als 8000 Tote und fast 80.500 nachgewiesene Infektion gemeldet und ist damit das am schwersten von der Pandemie betroffene Land Europas. In die offiziellen Statistiken fließen aber nur Todesfälle in Krankenhäusern und Altenheimen ein. Der bekannt italienische Virologe Roberto Burioni hält auch die Zahl der Infizierten für falsch, weil Erkrankte ohne Symptome nicht mitgezählt werden.

Quellen: „La Repubblica“, Italienisches Datencenter, Nachrichtenagenturen ANSA, AFP

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