Wissenschaftler fürchten: Omikron-Subtypen ähneln mehr der „tödlicheren“ Delta-Variante

Wissenschaftler fürchten: Omikron-Subtypen ähneln mehr der „tödlicheren“ Delta-Variante

Die Sommerwelle rollt. Der Grund: Die Omikron-Varianten BA.5 und BA.4 verbreiten sich rasend schnell. Fachleute sorgen sich. Denn es gibt Hinweise, dass sie auch wieder tiefer ins Gewebe eindringen – so wie Alpha und Delta. Virologe Ulf Dittmer sieht bisher keine schwereren Verläufe.

Das Bild der Kurve ist klar: Es infizieren sich täglich wieder sehr viel mehr Menschen mit Corona als noch vor vier Wochen. Viele kennen es auch von Freunden, Verwandten und Arbeitskolleginnen, die erzählen, dass es sie nun erwischt hat. Verantwortlich für die Sommerwelle ist die Omikron-Subvariante BA.5, im Doppel mit BA.4.

Das zeigen auch die Zahlen aus dem Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI). Zuletzt verdoppelten sich ihre Anteile fast kontinuierlich, mittlerweile ist BA.5 mit rund 50 Prozent der Neuinfektionen sogar dominant in Deutschland.

Nach der kürzlich überstandenen BA.2-Welle ängstigen die reinen Infektionszahlen nicht. Vielmehr treibt viele die Sorge um, dass sich diese Subtypen doch wieder als gefährlicher als die Vorgänger herausstellen könnten. Wissenschaftler befürchten, dass die Untervarianten den „tödlicheren“ Alpha- und Delta-Varianten ähneln könnten. Das berichtet der „Independent“ aus Großbritannien.

Denn die Omikron-Untervarianten hätten sich weiterentwickelt, um wieder auf die Lunge abzuzielen und die Immunität zu überwinden. Die Fälle in Großbritannien nehmen zu, die Intensivpatienten allerdings bisher nicht.

Omikron-Vatianten: Erster Mediziner in Deutschland besorgt

Aktuell sind es in Deutschland anekdotische Berichte, dass BA.5 und BA.4 wieder pathogener als BA.1 und BA.2 sein könnten. Das würde heißen, dass sie stärker krank machen und wieder schwerere Verläufe verursachen.

Lungenfacharzt Cihan Çelik etwa twitterte: „Aktueller Eindruck von Covid-Normalstation (nicht repräsentativ): Betten füllen sich wieder und die Krankheitslast steigt deutlich. Fast alle Patienten hier brauchen Sauerstoff, das war vor vier Wochen selten geworden. Wir kommen zurecht, das ist aber nicht nur eine ‚Meldewelle‘.“

Steigende Todesfälle durch BA.4 und BA.5?

Bedeutet mehr schwere Verläufe auch steigende Todesfälle? Charité-Virologe Christian Drosten zeigte sich kürzlich besorgt über die Sterbefälle in Portugal. Dass die Mortalität durch BA.5 wieder zunehmen wird, schließen Fachleute nicht aus. „Es ist durchaus möglich, dass der momentane Anstieg noch eine Weile anhält und auch zu einer Zunahme an Todesfällen führt – so wie es in Portugal zu beobachten ist“, sagte beispielsweise Friedemann Weber, Virologe von der Universität Gießen, auf Nachfrage von FOCUS Online.

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Weber geht aber nicht davon aus, dass uns BA.5 auf das Niveau der vorherigen Wellen übertrifft: „Wir haben dank Impfungen und auch wegen vorheriger Infektionen eine gewisse Populationsimmunität und sind deshalb weit von den Größenordnungen entfernt, die es im Winter 2020/21 gab“, erläuterte der Experte.

Was dafür spricht, dass BA.4/5 gefährlicher sind als BA.1/2

Weber warnte zudem: „Nach bisherigen Daten sind diese beiden Varianten, die nun dominant werden, leider sehr ansteckend und eventuell auch pathogener.“ Ähnliches zeigen vorläufigen Daten von Kei Sato von der Universität Tokio und Kollegen: BA.4, BA.5 und BA.2.12.1 hätten sich möglicherweise dahingehend entwickelt, Infektion von Lungenzellen zu begünstigen, anstatt Gewebe der oberen Atemwege – was sie ähnlicher zu früheren Varianten wie Alpha oder Delta macht.

Diese waren weitaus pathogener als die Omikron-Typen und verursachten mehr schwere Verläufe bis hin zu Todesfällen. „Insgesamt deuten unsere Untersuchungen darauf hin, dass das Risiko dieser Omikron-Varianten, insbesondere BA.4 und BA.5, für die globale Gesundheit möglicherweise größer ist als das des ursprünglichen BA.2“, sagte Sato. Die Experimente des Professors verdeutlichen, dass sich BA.4, BA.5 und BA.2.12.1 in menschlichen Lungenzellen effizienter vermehren als BA.2. Weitere Experimente an Hamstern deuten darauf hin, dass BA.4 und BA.5 schwerere Erkrankungen verursachen können. „Es sieht so aus, als würden diese Typen wieder auf die gefährlichere Form der Infektion umschalten, also tiefer in die Lunge eindringen“, sagte Stephen Griffin, Virologe an der Universität von Leeds dem „Independent“.

Die Fähigkeit, schwerere Covid-19-Erkrankungen auslösen zu können als BA.2 es getan hat, lässt sich bisher nicht ausschließen. „Ich halte es für möglich, dass BA.5 wieder etwas pathogener sein könnte, aber das ist abschließend nicht geklärt“, sagte Sandra Ciesek, Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, im neuesten „ NDR-Podcast “. Grund seien die Mutationen an den Schlüsselstellen des Spike-Proteins, die es dem Virus ermöglichen, wieder leichter in die Lungenzellen einzudringen und sie zu infizieren. BA.2 dagegen konnte besser in die Schleimhäute der oberen Atemwege eindringen.

Was dagegen spricht, dass BA.4/5 gefährlicher sind als BA.1/2

Virologe Ulf Dittmer vom Universitätsklinikum Essen hingegen vertrat zuletzt die These, dass die Evolution nicht im Rückwärtsgang erfolge und dass es unwahrscheinlich sei, dass die Coronaviren wieder tieferes Gewebe infizieren würden. Denn das wäre ein Verbreitungsnachteil. Wie beurteilt der Experte nun also BA.4/5?

„Bisher sehe ich keine überzeugenden Daten, dass BA.4/5 pathogener sind als es BA.1/2 waren“, urteilt Dittmer auf Anfrage von FOCUS Online. „Auch bei uns in Essen gibt es dafür in der Klinik keine Hinweise.“ Die aktuellen Omikron-Subvarianten könnten aber noch besser dem Immunsystem aus dem Weg gehen und seien infektiöser. Daher erlebten wir in vielen Ländern, einschließlich Deutschland, eine erneute Welle. Der Virologe ergänzt: „Bei solchen Wellen gibt es dann leider am Ende immer einige wenige Patienten, die wieder auf der Intensivstation landen. Nicht selten auch mit Sars-CoV-2 als Nebenbefund und einer anderen schweren Erkrankung.“

Auch Virologin Ciesek glaubt aufgrund der veränderten Immunität in der Bevölkerung nicht, dass die neue Variante mehr Schaden anrichten kann als vor zwei Jahren, als es noch keine Impfungen, antiviralen Medikamente und monoklonalen Antikörper gab.

Was am Portugal-Vergleich zu berücksichtigen ist

Da häufig die Parallele zu Portugal gezogen wird: Epidemiologen sind sich einig darin, dass die Situation dort eine Warnung für Deutschland sein sollte. „Portugal ist uns einige Wochen voraus“, erläuterte Epidemiologe Timo Ulrichs auf Nachfrage von FOCUS Online. Dass sich die Subvarianten BA.4 und BA.5 so schnell verbreiten, ist der Grund für die aktuell stark steigenden Zahlen. Dennoch gilt es zu berücksichtigen, dass die Immunität in Deutschland und Portugal ebenso wie die Bevölkerungsstruktur sich unterscheiden.

Die Portugiesen hatten zwar eine sehr hohe Impfrate, aber die Impfungen sind bereits länger her als in Deutschland. Hierzulande hatten wir im Gegensatz zu Portugal eine sehr ausgeprägte BA.2-Welle. Diese hinterlässt eine gewisse Immunität und schützt etwas mehr vor den aktuellen Varianten. Wie gut der Immunschutz allerdings ausfällt, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Denn klar ist, dass Omikron (BA.1./2) nicht zu 100 Prozent von Omikron (BA.4/5) schützt und Re-Infektionen auch nach wenigen Wochen möglich sind.

Möglicherweise jedoch könnte eine Infektion mit BA.4 oder 5 wieder zu einer stabileren Abwehr führen. Drosten sagte hierzu im „Spiegel“ -Interview: „Für die Omikron-Subvariante BA.5, die seit Kurzem in Deutschland dominant ist, gibt es Hinweise, dass sie doch wieder stärker die tieferen Atemwege befällt – also könnte auch die Immunität nach der Infektion möglicherweise wieder stärker ausgeprägt sein. Dazu fehlt uns allerdings noch genaueres Wissen.“ Und ganz klar ist seine Empfehlung trotzdem: „Auf gar keinen Fall sollte man sich absichtlich infizieren! Man sollte das weiterhin so gut es geht vermeiden, auch wegen des Risikos von Long-Covid.“

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