Gegen den eigenen Körper

Gegen den eigenen Körper

Im Juni 2019 bringt ein Mann seine 32-jährige Frau in eine Notaufnahme in Großbritannien. Sie habe im vergangenen halben Jahr zunehmend unberechenbares, teils paranoides Verhalten gezeigt, sagt er den Ärzten.

Unter anderem sei seine Ehefrau mitunter davon überzeugt, dass ihr Handy ihr Nachrichten direkt ins Gehirn sende – obwohl das Telefon ausgeschaltet ist. Der Mann hatte beobachtet, wie sie verwirrt in der Küche umhergelaufen und Löffel in den Kühlschrank gelegt habe. Hörte sie Sirenen, sei sie davon überzeugt, dass die Polizei nach ihr suche. So berichten es die britischen Ärzte in einem Fallbericht im »British Medical Journal«.

Seit vier Monaten schläft die Frau demnach zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei bis drei Stunden pro Nacht auf dem Sofa. Sie fühlt sich unruhig, isst nur noch eine Mahlzeit pro Tag und hat 15 Kilo abgenommen. Sie hat Angstzustände, Herzrasen, Brustschmerzen, kann sich nur schwer auf die Arbeit konzentrieren, ihre Gedanken rasen. Wenn sie spricht, spricht sie sehr schnell, oft wirr. Ihr fällt es zunehmend schwer, sich um ihr 16 Monate altes Baby zu kümmern.






Ihrem Mann gegenüber wird die Patientin ausfallend und aggressiv. Sie leidet unter Stimmungsschwankungen, manchmal muss sie grundlos anfangen zu weinen. Vor Auftreten der Symptome war die 32-Jährige fit und gesund, sie nimmt keine Medikamente ein und ist Nichtraucherin.

Erste Diagnose: Angststörung

Die Ärzte diagnostizieren zunächst eine Angststörung. Als die Symptome weiter anhalten, überweisen sie die Frau in die Psychiatrie. Dort fällt auf, dass sie während der Untersuchung abgelenkt scheint, unruhig im Raum umherläuft und es ihr schwerfällt, Blickkontakt zu halten. Sie zeige allerdings keine Anzeichen von Halluzinationen und äußere auch keine Gedanken, sich selbst etwas anzutun, bemerken die Fachleute.

Der Frau wird Blut abgenommen, um biologische Faktoren für eine akute Psychose auszuschließen. Dabei fällt auf, dass ihre Schilddrüsenwerte viel zu hoch sind. Bei weiteren Untersuchungen stellen die Ärzte einen Kropf am Hals der Patientin fest – so wird eine sichtbare Vergrößerung der Schilddrüse genannt.

Zweite Diagnose: Entzündung der Schilddrüse

Die weiteren Blutergebnisse sind unauffällig: Das Blutbild ist normal, das C-reaktive Protein, das etwa bei Entzündungen erhöht ist, liegt im Normbereich, Harnstoff und Elektrolyte sowie Leberfunktionstests sind ebenfalls in Ordnung. Ihr Blutdruck hingegen ist mit 162/85 mmHG (Millimeter Quecksilbersäule) deutlich zu hoch. Die Ärzte äußern einen ersten Verdacht: Sie vermuten eine Entzündung der Schilddrüse und einen toxischen Schilddrüsenknoten.

Gegen eine Entzündung wiederum sprechen das normale C-reaktive Protein und die lange Zeitspanne, in der die Frau bereits unter den Symptomen leidet. Einzelne toxische Schilddrüsenknoten sind normalerweise tastbar. Die Ärzte haben daher noch einen weiteren Verdacht: Morbus Basedow, eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse.

Themenseite „Ein rätselhafter Patient“:Mysteriöse Krankheitsfälle

Um die Diagnose zu verifizieren, machen sie eine sogenannte Szintigrafie der Schilddrüse. Bei dieser Untersuchungsmethode wird der Patientin ein radioaktiv markierter Stoff gespritzt, der sich je nach Aktivität der Schilddrüsenzellen in dem Organ verteilt. Eine spezielle Kamera macht diese Aktivität sichtbar. Die Bilder lassen keinen Zweifel mehr offen, das Muster ist typisch: Die 32-Jährige leidet an Morbus Basedow.

Finale Diagnose: Morbus Basedow

Morbus Basedow, auch Graves-Krankheit genannt, tritt häufig bei Frauen im gebärfähigen Alter auf. Das Immunsystem kann nicht mehr zwischen körpereigenen und fremden Stoffen unterscheiden und greift fälschlicherweise das eigene Schilddrüsengewebe an. Da sich diese Abwehrzellen gegen den eigenen Organismus wenden, werden sie auch Autoantikörper genannt. Bei Morbus Basedow richten sie sich gegen jene Rezeptoren in der Schilddrüse, an die Hormone andocken, die die Aktivität des lebenswichtigen Organs regulieren.

Diese Autoantikörper treiben die Drüse an, verstärkt Schilddrüsenhormone zu produzieren, es kommt zu einer Überfunktion des Organs. Die Schilddrüsenhormone beeinflussen viele Vorgänge im Körper, darunter den Stoffwechsel, den Kreislauf und die Psyche.

Die Überfunktion der Schilddrüse kann sich auf den ganzen Körper auswirken. Typische Symptome von Morbus Basedow sind Zittern, Herzrhythmusstörungen, Nervosität, hervortretende Augen, Gewichtsabnahme, Haarausfall oder erhöhter Blutdruck. Einen Großteil dieser Symptome zeigte auch die Frau aus dem Fallbericht. Psychiatrische Symptome hingegen, vor allem in dieser starken Ausprägung, sind sehr selten bei Morbus Basedow.




Zur Behandlung erhält die 32-Jährige das Schilddrüsenmedikament Carbimazol und den Betablocker Propanolol. Ihre Psychiater halten eine Therapie mit Antipsychotika oder Angstlösern nicht für notwendig.

Nach vier Wochen normalisiert sich ihre Schilddrüsenfunktion bereits wieder und sie kann die Medikamente reduzieren. Nach acht Wochen berichtet die junge Frau, sich wieder in ihrem normalen mentalen Zustand zu befinden. Auch ihr Mann bestätigt, dass sich das Verhalten seiner Frau normalisiert habe. Drei Monate später fängt sie wieder an zu arbeiten. Inzwischen erwartet sie ihr zweites Kind.

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