Ärzte und Pfleger bald in Malerkittel und Müllbeutel – Schutzkittel weltweit Mangelware

Ärzte und Pfleger bald in Malerkittel und Müllbeutel – Schutzkittel weltweit Mangelware

Das Problem drängt. Wie sehr, das macht Dr. Michael Wünning in einem einzigen Satz mehr als deutlich: „Theoretisch könnte ich nackt arbeiten und mich hinterher desinfizieren“, sagt er im Gespräch mit dem stern. Der Chefarzt der Notfall- und Akutmedizin am Hamburger Marienkrankenhaus schlägt Alarm. Es geht um die einfachen, aber wichtigen Schutzkittel, die das Krankenhauspersonal tagtäglich bei OPs sowie im Kontakt mit Corona- oder anderen infektiösen Patienten tragen muss. „Maximal 14 Tage“ reiche der Bestand noch. Nachschub? Keine Chance. Der Weltmarkt sei praktisch leergefegt. Und von Herstellern im Ausland – zum Beispiel in Frankreich oder Polen – sei wegen der Ausfuhrstopps nichts zu holen. Wünning: „Wir kriegen sie nicht!“ Er hat daher sogar einen Hilfsaufruf gestartet.

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Denn der Bedarf riesig. Allein das Hamburger Krankenhaus benötigt laut Angaben des Einkaufs 550 der Kittel am Tag, das sind nicht weniger als 16.000 Stück im Monat! Und in anderen Kliniken in Deutschland, in Notfallpraxen und Altenheimen sehe es kaum anders aus, weiß Wünning als beratendes Mitglied des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) sehr gut. Eigentlich ein Centartikel – ein Schutzkittel kostet normalerweise zwischen 35 und 45 Cent – sind die Preise wegen des Mangels in die Höhe geschnellt. „Seriöse Anbieter verlangen jetzt 2,50 Euro pro Kittel, doch da ist nichts zu bekommen“, beschreibt Wünning die dramatische Situation. „Unseriöse Anbieter verlangen sage und schreibe zehn bis 20 Euro pro Kittel.“ Selbst wenn sich das Krankenhaus darauf einlassen wollte – bei den riesigen Stückzahlen, die benötigt werden, ist das unbezahlbar.

Dr. Michael Wünning, 47, Chefarzt der Notfall- und Akutmedizin am Hamburger Marienkrankenhaus fragt: Gibt es noch irgendwo ungenutzte Bestände an Schutzkitteln, die dem Krankenhaus zur Verfügung gestellt werden könnten? Wer so oder auf andere Weise helfen könne, wende sich bitte an die E-Mail: [email protected]

Schutzkittel: Rohstoff wird auch für Masken gebraucht

Der Hamburger Gesundheitsbehörde „ist die Dringlichkeit bekannt“, hieß es auf Anfrage des stern. Aufträge für Schutzkittel und Overalls seien ebenso wie für Handschuhe, Tausende Liter Desinfektionsmittel und 50.000 Schutzbrillen bereits erteilt worden. „Mehrmals wöchentlich gehen Teillieferungen des Bundesgesundheitsministeriums von Persönlicher Schutzausrüstung in Hamburg ein“, so die Mitteilung einer Behördensprecherin. Aber: „Selten in der angekündigten Menge.“

„Ich mache niemandem einen Vorwurf“, betont Chefarzt Wünning. Die Hamburger Gesundheitsbehörde tue alles, um ausreichend Schutzausrüstung zu beschaffen. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) attestiert er einen „exzellenten Job“ als Corona-Krisenmanager. „Was es nicht gibt, kann man nicht beschaffen.“ Erschwerend komme hinzu, dass das Rohmaterial der Fleecekittel auch für die medizinischen FFP2- und FFP3-Schutzmasken benötigt werde. Da mit den teureren Masken ein besseres Geschäft zu machen sei, werde der Mangel dadurch noch erhöht.

Alle Teile der Ausrüstung könnten knapp werden

Was Deutschland nun einhole sei, dass kaum noch medizinische Schutzausrüstung hierzulande produziert werde, kritisiert Wünning dann doch. Dass man sich zunächst auf die Beschaffung von Masken konzentriert habe, sei richtig gewesen, da sich das Coronavirus durch Tröpfcheninfektion verbreite. Doch das Beispiel Schutzkittel zeige: „Wir müssen die gesamte Ausrüstung im Blick behalten.“ Nicht auszuschließen, dass es bei OP-Hauben, Einmal-Handschuhen und Schutzbrillen auch noch zu Engpässen kommen werde.

Um dem akuten Kittel-Mangel zu begegnen, werden Einkauf und Mediziner am Marienkrankenhaus kreativ. Ärzte und Pflegepersonal könnten als Notbehelf Patientenkittel umlegen und darüber Müllbeutel anziehen, sagt Wünning. Auch dünne OP-Schürzen seien Teil der Überlegung. Und sogar Malerkittel. Aber: „Ein Baumarkt hat da vielleicht 120 vorrätig“, so Wünning, „das reicht ja bei weitem nicht.“ Als fast schon historische Lösung empfindet der 46-Jährige wieder Schutzkittel aus Stoff zu kaufen. „Die kenne ich noch von meiner Anfangszeit“, so Wünning. Das Problem hierbei: Die Stoffkittel für einen weiteren Einsatz aufzubereiten, dauere drei Tage. Man bräuchte dementsprechend die dreifache Menge.

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Auf solche Notlösungen bereiten sich Wünning und sein Team nun vor. Noch aber hat der Chefarzt die Hoffnung nicht völlig aufgegeben. Er hat einen Hilfsaufruf gestartet, hofft auf „Support der Industrie“ oder darauf, dass es „noch irgendwo Bestände“ gibt, die dem Marienkrankenhaus zur Verfügung gestellt werden könnten. „Ich hätte am Anfang meiner Laufbahn nie gedacht, dass es mal so weit kommt“, gesteht Wünning. Auf der einen Seite hantiere man mit hochtechnischen Geräten, auf der anderen Seite fehle es an einfachen Kitteln.

Eines sei daran besonders besorgniserregend: Der Mangel sei entstanden, obwohl sich die Corona-Fällen in Norddeutschland derzeit in Grenzen halten. Doch, so Wünning: „Was passiert, wenn die nächste Welle kommt?“

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