Die Welt blickt auf Impfstoffe – doch andere Covid-19-Mittel sind genauso wichtig

Die Welt blickt auf Impfstoffe – doch andere Covid-19-Mittel sind genauso wichtig

Das große Impfen hat begonnen. Doch im Kampf gegen das Coronavirus allein auf die neuen Impfstoffe zu setzen, ist riskant. Auch die Forschung an Medikamenten zur Behandlung von Covid-19 muss weitergehen.

In Israel sollen bereits 38 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, in den Vereinigten Arabischen Emiraten rund 22 Prozent (Daten von „Ourworldindata.org“, Stand: 21. Januar). Deutschland steht derzeit bei etwa 1,4 Millionen Geimpften, das sind etwa 1,6 Prozent der Bevölkerung (Stand: 20. Januar).

In den meisten Teilen der Welt wird es noch sehr lange dauern, bis ausreichend viele Impfdosen gespritzt wurden und ein Ende der Pandemie in Sicht ist. Schätzungen reichen hierzulande von acht Monaten bis zu vier Jahren, ehe der größte Teil der deutschen Bevölkerung eine Impfung erhalten hat. Andernorts könnte es wesentlich länger dauern. Hohe Kosten, komplexe Logistik und vertragliche Vereinbarungen könnten dazu führen, dass gerade die ärmsten Länder noch Jahre auf die ersten Impfdosen warten müssen.

Allein auf den Impfungen sollten wir uns nicht ausruhen. Aus drei Gründen ist es wichtig, den Blick auf andere Medikamente nicht zu verlieren:

Die wichtigsten Waffen im Kampf gegen die Pandemie sind daher nicht nur die neuen Impfstoffe. Gerade für Menschen, die bereits an Covid-19 erkrankt sind, muss auch die Forschung an Medikamenten weitergehen, die bei der Behandlung der Krankheit zum Einsatz kommen oder kommen könnten.

  • Ivermectin: dämmt Übertragung ein, verbessert Überlebenschancen

Ivermectin wird gegen Kopfläuse, Krätze und die Flusskrankheit eingesetzt. Australische Wissenschaftler beobachteten bereits im April auch Erfolge im Kampf gegen Sars-CoV-2: "Wir haben herausgefunden, dass bereits eine einzige Dosis die gesamte virale RNA entfernen kann, innerhalb von 48 Stunden", erklärte Studienleiterin Kylie Wagstaff.

Die Medizinerin arbeitet am Discovery Institute der australischen Monsah-Universität in Melbourne. "Bereits nach 24 Stunden bemerkten wir eine signifikante Reduktion des Erbguts", sagte sie weiter. Das Mittel soll die Übertragung von Covid-19 eindämmen. Patienten mit einem leichten bis mittelschweren Verlauf könnten mit dem Mittel schneller genesen, bei Schwerstkranken könnten die Überlebenschancen steigen.

  • Dexamethason: verbessert Überlebenschancen schwerstkranker Patienten

Dexamethason ist ein Kortison-Präparat. Üblicherweise kommt es im späten Stadium der Erkrankung zum Einsatz, wenn eine sogenannte Hyperinflammation droht. Das ist eine Überreaktion des Immunsystems, die tödlich verlaufen kann. Das Mittel unterdrückt die Immunzellen. Damit steigt jedoch das Risiko für weitere Komplikationen, wenn zu Covid-19 eine weitere bakterielle Infektion hinzukommt, da die immunologischen Abwehrkräfte gehemmt sind.

  • Heparin: verbessert Überlebenschancen, reduziert Wahrscheinlichkeit für künstliche Beatmung

Heparin verdünnt das Blut. Sie kommen bei der Behandlung von Covid-19-Patienten auf der Intensivstation zum Einsatz, denn Blutgerinnsel sind ebenso gefährlich für sie wie Lungenschäden. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin empfiehlt Heparin als besten Blutverdünner bei Covid-19.

Eine Studie des Mount Sinai Hospital in New York kommt zu dem Ergebnis, dass die Behandlung mit Blutverdünnern mit einer halbierten Todesrate einhergeht. Das Risiko für eine künstliche Beatmung konnten entsprechende Mittel um etwa 30 Prozent reduzieren. Daten von 4389 Patienten waren dafür ausgewertet worden.

  • Remdesivir: soll Dauer der Symptome verkürzen

Remdesivir ist ursprünglich ein Medikament zur Behandlung von Ebola. Zu Beginn der Pandemie schien es ein vielversprechendes Mittel im Kampf gegen Sars-CoV-2 zu sein, das die Dauer der Symptome verkürzen sollte. Eine von der WHO veranlasste Studie legt jedoch nahe, dass der Viren-Hemmer kaum Effekt auf die Genesung von Erkrankten hat. Untersucht hatten Forscher nicht nur Remdesivir, sondern auch die Therapiemittel Hydroxychloroquine und Lopinavir. Der Nutzen der überprüften Medikamente sei "enttäuschend wenig erfolgversprechend", heißt es. Die Studie legt nahe, dass in Zukunft an Alternativen zu Remdesivir geforscht werden muss.

Prophylaxe und "Long Covid": Zwei Bereiche, in denen weitere Forschung notwendig ist

Wichtig ist die Suche nach einem Medikament, das bereits den Ausbruch von Covid-19 verhindern kann. Ein solches Prophylaxe-Mittel könnte nach dem Vorbild von Präparaten entwickelt werden, die bereits gegen Grippe oder Tollwut zum Einsatz kommen. Das Medikament würden entweder Patienten bekommen, die sich in einem besonders frühen Infektionsstadium befinden. Oder es könnte prophylaktisch verabreicht werden an Menschen mit einem hohen Risiko, die sich nicht infiziert haben, etwa Mitarbeiter in Kliniken und Pflegeheimen, in denen es zu einem Ausbruch gekommen ist. Mehrere solcher Medikamente werden aktuell bereits in klinischen Studien getestet.

Außerdem brauchen wir bessere Therapien für "Long Covid"-Patienten: Ein Teil der Covid-19-Patienten klagt über langfristige Folgen, auch wenn ihre Ansteckung bereits mehrere Monate zurückliegt und sie eigentlich als genesen gelten. Zu dem Beschwerden zählen chronische Erschöpfung, Muskelschwäche, Nierenprobleme, Schlafstörungen oder eine geschwächte Lunge. Eine Studie an 1700 Patienten hat gezeigt, dass ganze 76 Prozent an solchen Langzeitfolgen litten. Auch sie benötigen in Zukunft passende Medikamente.

Antikörper, Leukämie-Mittel, TRIM-Proteinen: Daran forschen die Deutschen

  • Köln, Marburg, Tübingen: neutralisierende Antikörper gegen Sars-CoV-2

Sogenannte neutralisierende Antikörper binden sich an ein Virus und verhindern, dass es eine Zelle infiziert. Auf diesem Gebiet forschen Wissenschaftler aus Köln, Marburg und Tübingen. Sie haben im April 2020 eine Studie mit 1077 Teilnehmern gestartet, die einen speziellen Antikörper entweder als Infusion oder Inhalation verabreicht bekamen. Beide Methoden zeigten Wirkung, eine Phase-3-Studie an mehr Probanden soll folgen.

  • Langen, Berlin, Dresden: Blutplasma von genesenen Patienten

In Zukunft könnte das Blutplasma von Menschen, die Covid-19 überstanden haben, bei der Therapie anderer Patienten zum Einsatz kommen. Denn dieses Plasma enthält Antikörper, die Sars-CoV-2 erfolgreich bekämpft haben. Eine solche Behandlung ist bei Masern und Mumps bereits möglich. An einem entsprechenden Vorgehen bei Covid-19-Patienten forschen Experten des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité und der Uniklinik Dresden.

  • Jena: Forscher untersuchen Leukämie-Medikament

Das Leukämie-Mittel Ruxolitinib könnte auch bei Covid-19 helfen, Patienten vor einer lebensbedrohliche Blutvergiftung (Sepsis) zu schützen. Bei einem schweren Verlauf von Covid-19 kann eine Sepsis als Komplikation auftreten. Hämatologen des Universitätsklinikums Jena haben zusammen mit dem Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen im Mai 2020 eine Studie gestartet. Ziel ist es, das Mittel an 200 Patienten zu testen.

  • Tübingen: Vermehrung des Virus stoppen

Forscher der Universität Tübingen sind auf der Suche nach einem Mittel, das das Enzym GK1 hemmt und so die Ausbreitung des Coronavirus im Körper stoppen kann. Infrage kommt unter anderem ein Stoff, der nachweislich die Vermehrung von E-coli-Bakterien hemmt. Diese sind bekannte Auslöser einer Magen-Darm-Erkrankung. Bislang fand die Untersuchung ausschließlich im Computermodell statt. Als nächster Schritt folgen Experimente im Reagenzglas, ehe an Patienten geforscht wird.

  • Erlangen-Nürnberg: Sars-CoV-2 eindämmen

Armin Ensser von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg untersucht, welche Rolle sogenannte TRIM-Proteine bei der Eindämmung von Sars-CoV-2 spielen. Bereits bekannt ist, dass diese Proteine die Vermehrung von RNA- und DNA-Viren beeinflussen können. „TRIM-Proteine können die virale Replikation hemmen. Beispielsweise sorgen sie für den Abbau von viralen Komponenten oder sie verstärken die angeborene Immunantwort“, erklärt Ensser. Es gibt mehr als 70 solcher Proteine im Körper – welche davon bei Covid-19 eine Rolle spielen, ist noch unklar.

 

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