Gastbeitrag von Anselm Grün: Keiner ist eine Insel: Was uns die Pandemie über Gemeinschaft lehrt

Gastbeitrag von Anselm Grün: Keiner ist eine Insel: Was uns die Pandemie über Gemeinschaft lehrt

In Krisenzeiten stehen Menschen oft mehr zueinander. Es wächst eine neue Solidarität. Wir spüren, dass wir aufeinander angewiesen sind, und erfahren, dass keiner eine Insel ist. Alles was wir tun und denken, hat immer auch Auswirkungen auf andere Menschen.

Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir alle miteinander zusammenhängen. Jeder kann jeden mit dem Virus anstecken. Auch wenn wir uns schützen, können wir Menschen begegnen, die sich nicht um die Regeln scheren und uns trotz all unserer Vorsichtsmaßnahmen infizieren.

In Taiwan haben die Menschen lange Zeit dem Virus getrotzt mit der Parole, die alle in der Gesellschaft akzeptiert haben: „Ich schütze mich, um dich zu schützen.“ Wir haben erfahren, dass wir füreinander verantwortlich sind. Viele haben diese Verantwortung wahrgenommen und dazu beigetragen, dass wir glimpflich durch die Krise gekommen sind.

  

In der Pandemie haben wir schmerzlich die Gemeinschaft vermisst. Wir haben erlebt, dass wir nicht mit anderen gemeinsam feiern durften, dass wir einander nicht so besuchen konnten, wie wir wollten, dass Begegnungen nur unter erschwerten Umständen möglich waren. Wir haben uns danach gesehnt, Freunde wieder in den Arm nehmen zu dürfen. imago/epd Pater Anselm Grün im Hof des Benediktinerklosters in Münsterschwarzach.

Über den Gastautor

Anselm Grün wurde 1945 geboren. Er ist Mönch der Benediktinerabteil Münsterschwarzach und Buchautor. Die zahlreichen Publikationen des Theologen erscheinen weltweit in mehr als 30 Sprachen. Themen seiner Schriften sind unter anderem Spiritualität, Psychologie, Glück und Lebenslust.

Dichter John Donne: „Keiner ist eine Insel“

Wir haben gespürt, wie sehr wir Gemeinschaft brauchen. Keiner lebt für sich selbst. Oder wie der Dichter John Donne es ausgedrückt hat: „Keiner ist eine Insel, in sich selbst vollständig. Jeder ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen.“ Was der Dichter mit diesem Satz ausgedrückt hat, das ist uns in der Krise neu aufgegangen.

Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und jeder muss seinen Weg gehen. Doch schon die griechischen Philosophen haben erkannt, dass der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist. Wir sind aufeinander angewiesen. Wir erkennen uns selbst, indem wir anderen Menschen begegnen. „Der Mensch wird am Du zum Ich“, wie Martin Buber das ausgedrückt hat. Jeder andere Mensch ist ein Stück von mir. Wir leben nicht nur für uns selbst, sondern immer auch für andere.

Gefahren der Globalisierung

Wir haben in der Pandemie die Gefahren der Globalisierung erkannt. Unser Leben hier ist abhängig von den Infektionen, die aus anderen Ländern zu uns kommen. Und die Globalisierung zeigt uns, dass unser Leben zu stocken anfängt, wenn die Lieferung aus anderen Ländern ausbleibt. Die Globalisierung hat Gefahren in sich. Sie hat aber auch Chancen.

Wir dürfen heute nicht nur an uns denken. Alle unsere Entscheidungen – so sagt der jüdische Philosoph Hans Jonas in seinem Hauptwerk „Verantwortung“ – sollen wir immer im Blick auf alle Menschen treffen. Und wir sollen sie immer auch im Blick auf den Kosmos, auf die Natur treffen. Denn unser Miteinander in der ganzen Welt kann nur gelingen, wenn wir auch unsere Verbundenheit mit der Natur wahrhaben.

Die Pandemie hat gezeigt, dass unsere Beziehung zur Natur in Unordnung geraten ist. Sie hat uns aufgezeigt, welche Gefahren auf uns zukommen, wenn wir nicht sensibel mit der Schöpfung umgehen. Daher sollen wir bei allen Handlungen nicht nur an die Menschen in anderen Völkern, sondern auch an die Auswirkung auf die Natur denken. So definiert Hans Jonas unsere Verantwortung für Menschen und Schöpfung: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Sinn für das Miteinander auch in Zukunft

Die Frage ist, ob wir nach der Krise so weitermachen wie bisher oder ob wir aus der Krise lernen. Meine Hoffnung ist es, dass durch die Krise ein neues Verantwortungsbewusstsein füreinander gewachsen ist und dass der Sinn für das Miteinander auch in Zukunft unser Leben prägt. Diese Krise fordert uns heraus, über unsere Beziehung zueinander und zur Natur neu nachzudenken und einen Lebensstil zu entwickeln, der für das Klima in der Gesellschaft gut ist, der aber auch angesichts des Klimawandels unserer Erde guttut.

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